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Literatur gelebt statt konstruiert

Herta Müller liest Literatur gelebt statt konstruiert

Vor Weihnachten haben in der Lokhalle Schlittschuhläufer ihre Bahnen gezogen. Dort, wo sich die Eisfläche erstreckte, sitzen an diesem Donnerstagabend Menschen. Weit mehr als 800 Besucher sind gekommen, um einer kleinen, auf den ersten Blick eher unscheinbaren Frau beim Lesen zuzuhören: der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Sie liest aus ihrem Buch „Atemschaukel“. Auch darin geht es um Kälte.

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Trägerin der begehrtesten Literaturauszeichnung: Nobelpreisträgerin Herta Müller.

Quelle: Pförtner

„Ein Stuhl, ein Tisch, ein Lämpchen, eine Autorin und ihr Bild.“ Hauke Hückstädt, Leiter des Literarischen Zentrums Göttingen, lenkt als Veranstalter zu Beginn des Abends den Blick aufs Wesentliche. Der zeichnet auch die Schriftstellerin Müller aus, die wenig später ganz in Schwarz gekleidet die Bühne betritt. Keine Überraschung also, so kennt man sie. Konzentriert verfolgt Müller die kluge Einführung der Literaturkritikerin Insa Wilke, die kurzfristig für den erkrankten Zentrumsmoderator Michael Braun eingesprungen ist. Müllers Texte beschreibt sie als „Literatur, die nicht konstruiert, sondern gelebt ist“.

In ihrem Roman schreibt Müller über Männer und Frauen aus Rumänien, die zwischen 1945 und 1950 von den Sowjets in Zwangsarbeiterlager verschleppt wurden. Auch Müller war betroffen, denn die Mutter der 1953 im Siebenbürgen geborenen Autorin war fünf Jahre lang fort. Ihre Familie gehörte zur rumäniendeutschen Minderheit, die von den Sowjets für die Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zur Verantwortung gezogen wurden. Sie habe nicht über die Zeit ihrer Deportation sprechen wollen, erzählt Müller von ihrer Mutter, „Bauern reden nicht über sich selbst“.

Ab 2001 führte die Schriftstellerin Gespräche mit ehemaligen Zwangsarbeitern, doch wichtiger sei schließlich gewesen, was Oskar Pastior, ihr 2006 gestorbener Schriftstellerkollege und ebenfalls Rumäniendeutscher, 2004 bei Besuchen an den Stätten der Zwangsarbeiterlager erzählt habe, berichtet Müller. Gemeinsam wollte sie das Drama der Verschleppung aufarbeiten, gemeinsam wollten sie das Buch schreiben.

Der Protagonist in „Atemschaukel“, Leopold Auberg, wird 1945 im Alter von 17 Jahren von den Russen verschleppt. Er wird wie tausende seiner Landsleute verantwortlich gemacht und soll beim Wiederaufbau nach dem Krieg helfen. Die Figur ist deutlich an Pastior und das Lagererleben, wie er es schilderte, angelehnt.

Müller liest schließlich einige ausführliche Passagen, darunter jene, in denen die Romanfigur den Zement beschreibt, mit dem die Zwangsarbeiter hantieren mussten. Eine kleine Randerscheinung nur für alle, die nicht dabei waren, aber mit den Worten von Pastior und Müller wird daraus eine bewegende Schilderung der Zustände, der geistigen und körperlichen Verfassung der Menschen, die den Zement ertragen mussten, den Mangel an allem und der Kälte, die sich über das Lager legte.

Von Peter Krüger-Lenz

Einfache Erklärung

Peter Krüger-Lenz

Quelle:

Rund 800 Besucher wollten Herta Müller in der Lokhalle erleben. Mehr als 4000 Karten hätte der Veranstalter, das Literarische Zentrum Göttingen, nach eigenen Angaben verkaufen können, wollte diese Masse der Autorin aber nicht zumuten. Eine gigantische Nachfrage für eine Lesung, vor allem aber eine ursprünglich nicht erwartete. Hauke Hückstädt, Leiter des Zentrums, hatte Müller weit vor der Bekanntgabe ihres Literaturnobelpreises eingeladen, und aufgrund von Erfahrungen mit deutlich weniger Zuhörern gerechnet. Denn auch andere Autoren wie beispielsweise Daniel Kehlmann, der später mit „Die Vermessung der Welt“ einen Bestseller landete, hatten davor vor einer sehr überschaubaren Zahl von Besuchern im Zentrum gelesen. Müller wäre vielleicht ähnliches wiederfahren, doch jetzt ist sie Literaturnobelpreisträgerin. So einfach erklärt sich manchmal Interesse an Kultur.

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