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Literaturherbst Göttingen: Gerhard Henschels mit neuem Buch

Abfluss verstopft Literaturherbst Göttingen: Gerhard Henschels mit neuem Buch

Das Leben geht weiter. Nach dem „Kindheitsroman“, dem „Jugendroman“, dem „Liebesroman“, dem „Abenteuerroman“ und dem „Bildungsroman“ ist jetzt der „Künstlerroman“ von Gerhard Henschel erschienen. Auch der umfasst wieder mehr als 500 Seiten. Auch der erzählt von Martin Schlosser.

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Kaffee und Kuchen bei Onkel Immo: Gerhard Henschel (Mitte) mit Familienmitgliedern – die alle auch in seinen Romanen auftauchen.

Quelle: Rom

Göttingen. Im „Kindheitsroman“ haben wir Martin als kleinen Jungen kennengelernt, es folgten Pubertäts- und Liebesgeschichten.

Jetzt, im „Künstlerroman“, ist Martin Schlosser Student in Berlin, seine Freundin Andrea wohnt in Aachen und studiert dort Sozialpädagogik, sein Freund Hermann studiert in Göttingen, die Eltern von Martin Schlosser leben in Meppen. Der junge Mann ist also viel unterwegs. Er reist vornehmlich per Anhalter. In den Achtzigern, kurz vor Tschernobyl, ging das noch.

Wie das Leben keine schlüssige Handlung hat, haben auch die Schlosser-Romane keine Handlung. Jedenfalls keine im engeren Sinn. Es gibt keine dreiaktige, mehrfach gebrochene Plot-Point-Struktur, es gibt keinen Konflikt, der zu lösen, keinen Feind, der zu besiegen wäre. Es gibt nur diese eine große Lebenshandlung: den Alltag bewältigen, älter werden, reifen.

Schlosser steht im neuen Roman vor einigen wichtigen Entscheidungen: Soll er weiter in Berlin studieren oder besser zu seiner Freundin nach Aachen ziehen? Hat die Andrea-Beziehung überhaupt eine Zukunft? Soll er das Wagnis eingehen und versuchen, Schriftsteller zu werden? Das sind große Fragen.

Aber so ein Leben besteht nicht nur aus großen Fragen und schon gar nicht aus großen Antworten. Es besteht vor allem aus Alltag. Und den fängt Henschel wie gewohnt auf wunderbare Weise ein. Allergenauestens, hochdetailliert, und ohne dabei kleinkrämerisch oder buchhalterisch zu werden, schildert er, was so passiert.

Sein Schreiben ist an der dokumentarischen Arbeitsweise Walter Kempowskis geschult, aber doch etwas ganz Eigenes. Das Besondere ist die Personalisierung: Wir kommen diesem Menschen Martin Schlosser sehr nah. Die Zeit – hier die Achtzigerjahre – nehmen wir aus seiner Sicht wahr.

Henschel, der für die ersten Bände der Reihe den Nicolas-Born-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung Niedersachsens, erhalten hat, schreibt dokumentarisch, aber persönlich, er wechselt die Perspektive nicht. Sein Echolot bleibt gewissermaßen immer nur an einer Stelle. Das aber hat einen ganz besonderen Reiz.

Schlosser reift im „Künstlerroman“ zu einem kritischen Geist heran. Er reibt sich an anderen. Witzige Kommentare zu anderen Autoren finden sich oft in dem Roman. Einmal schreibt er über Günter Grass: „Seinen neuen Roman ,Die Rättin‘ eröffnete Günter Grass mit dem Satz: Auf Weihnachten wünschte ich eine Ratte mir. Schon faul.“ Genau so geht das: Literaturkritik in zwei Worten. Macht Spaß.

Karl Kraus, Arno Schmidt und Eckhard Henscheid sind in diesen Jahren die literarischen Hausgötter von Schlosser. Sie liefern den Maßstab zur Beurteilung der Dinge. Die Latte liegt also hoch. Aber man kann natürlich auch unten durchspazieren. Erstaunlich jedenfalls ist, wie der Autor von den Höhen der Kulturkritik immer wieder in die Niederungen des Alltags findet, ohne dass das jemals wie ein Absturz wirken würde.

Einmal zitiert er Henscheids Kritik am postmodernen Dampfplauderer Dietmar Kamper (der Schlossers Professor war). Henschel beendet die Passage mit den Worten: „Greulich. Und auch sehr bedauerlich, denn Kamper war ein überaus freundlicher und grundsympathischer Herr. Nach dem Kuchen­essen setzte Onkel Immo den Gartengrill in Betrieb.

Schnitzel, Bratwürste und Steaks.“ Und nach der Beschreibung des – erfolglosen – zweiten Leseversuchs von Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ kommt er ohne Umwege auf Klempnerprobleme: „Ich kam nicht einmal über die erste Seite hinaus. Dann war mein Abfluß verstopft, in der Küche, und ich mußte unten das Rohr auseinandernehmen und den Dreck herauspolken. Schwärzlichen Schmadder, kalkiges Gestein und verklumpte Haare. Die Welt mit den Augen eines Klempners gesehen.“

Diese Sprünge zwischen Hochkultur und Spülbecken sind komisch. Und schöne Worte in der Liga von polken und Schmadder gibt es hier auch reichlich. Den größten Reiz des Buches aber macht die Haltung dieses Martin Schlosser aus, der ein interessierter Beobachter der Zeitläufte ist und unverkrampft und angstlos seinen Weg geht. Ein überaus freundlicher und grundsympathischer junger Mann.

Henschel hört nicht auf. Beim Kaffeetrinken bei Onkel Immo (ein kleiner Werbegag zur Buchvorstellung) erzählt er, dass die nächsten Folgen der Schlosser-Saga schon im Werden sind: der „Arbeiterroman“ und der „Schauerroman“. Wie schön.

Am Montag, 12. Oktober, liest Gerhard Henschel beim Literaturherbst im Literarischen Zentrum, Düstere Straße 21 in Göttingen, aus seinem neuen Schlosser-Buch.

Gerhard Henschel: „Künstlerroman. Der sechste Band der Martin-Schlosser-Chronik“, Hoffmann und Campe. 576 Seiten, 25 Euro.

Von Ronald Meyer-Arlt

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