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Bodo Kirchhoff als Überraschungsgast

Literaturherbst Göttingen Bodo Kirchhoff als Überraschungsgast

Als Überraschungsgast hat Bodo Kirchhoff eine Lesung beim 25. Göttinger Literaturherbst gehalten. Denn am Montag, mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises an den Frankfurter Autor für seinen Roman „Widerfahrnis“, stellte sich heraus, dass Kirchhoff damit auch den Göttinger Termin gewonnen hat.

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Lieber vorlesen als Rede und Antwort stehen: Bodo Kirchhoff als Überraschungsgast beim Göttinger Literaturherbst.

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Es ist eine Fügung, dass der mehrfach ausgezeichnete Bodo Kirchhoff zu den Gästen des 25. Göttinger Literaturherbstes zählt: Er ist zugleich Jubiläumsgast – beim ersten Lesefestival stellte er seinen Roman „Der Sandmann“ vor. Das war 1992. Aktuell geht es um einen fürs Kirchhoffsche Werk, 19 Bücher in mehr als 30 Jahren, eher schmalen Band:  „Widerfahrnis“. Ein Wort, das viele Menschen in diesen Tagen erstmals wahrnehmen. Kirchhoff (68) hat es vor fünf Jahren zum ersten Mal gehört; fand es nicht im Duden, aber beim Philosophen Heidegger und war fasziniert von der Bedeutung: „Ein jähes, tiefgreifendes, spirituelles Ereignis, das einen ein Stück weit umwirft, ändert.“

So beschreibt es Kirchhoff. Er habe über die Jahre das Wort wie ein Privatwort behandelt und sich vorgenommen, „ich möchte einmal ein Buch haben, das so heißt.“ Da ist es. Es geht um eine Liebe in den Zeiten des dritten Lebensalters, um die Herausforderung der Spontaneität mit den Möglichkeiten des Einsatzes einer Kreditkarte. Und um die Konfrontation mit der Existenz von Menschen, die alles zurückgelassen haben, um zu überleben. Kirchhoff lässt Lebenserfahrung und Lebensart einer Hutmacherin und eines Verlegers, beide haben ihre Geschäfte aufgegeben, in einer Seniorenresidenz zueinander finden, um ein Roadmovie nach Sizilien zu beginnen. Ein paar Tage nur im alten 3-er BMW mit Kassettenradio, die viel verändern, vor allem die Sicht auf die Welt: Während sie nach Süden fahren, wollen andere nach Norden. Die Flucht, das vorläufige Asyl auf der italienischen Insel personifiziert ein Mädchen, dessen sich die beiden annehmen.

Kirchhoff las am Sonnabend sehr gekonnt, sehr um den Wert seiner Wörter bedacht,  in der ausverkauften Halle des Alten Rathauses zwei Kapitel aus seiner Novelle, die auch am Büchertisch reißenden Absatz fand. Ihm zuzuhören ist ein Ereignis. Das Publikum freute sich über seine kecken Beschreibungen, folgte nachdenklich seinen Darstellungen von Not. „Vielen Dank für ihre wunderbare Konzentration“, grüßte Kirchhoff zum Abschied.

 Im Gespräch mit Stefan Lohr musste Kirchhoff reden, Fragen beantworten. Seit Montag sei er am Reden. Das ist das Los des Buchpreisträgers, der nach der Auszeichnung vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels im Römer der Stadt Frankfurt,  Interviews und Lesungen auf der Buchmesse zu geben hat. Für Kirchhoff war der Göttinger Termin, seit drei Jahren zählt eines Lesung des Preisträgers zum Literaturherbst-Programm,  erstmal der letzte: „Ich bin froh, dass morgen Feierabend ist.“  Aber später, nach der letzten Frage von Lohr,  kam ein versöhnlicher Dank: „Das war jetzt sehr schön!“

Kirchhoff wirkte ungeduldig, zeigte deutlich in Wort und Gestik,  lieber vorlesen als Rede und Antwort stehen zu wollen. Diese gab er aber, trommelte nervös mit den Fingern, hielt sich an seinem Buch fest bis er es aufschlagen konnte. Im Gespräch mit Literaturkritiker Lohr erzählte Kirchhoff von seiner Schreibwerkstatt: Kurse, die er mit Ehefrau Ulrike Bauer  gibt und von seiner persönlichen, die nach der Entwicklung eines Plots den Rückzug bedeutet.  Der begann für  „Widerfahrnis“ im Oktober. „Dann schreibe ich so lange, bis ich fertig werde“. In diesem Fall dauerte es bis März – „täglich neun Stunden, ohne Pause, ohne Wochenende.“  Er sei immer mit Sprache beschäftigt, damit, sie auszureizen. „Ich will immer wissen, wie man es schreiben, beschreiben kann“. In „Widerfahrnis“ beschreibt er ausschmückend ohne ausschweifend zu werden, aber mit 224 Seiten deutlich kürzer als in seinen es sonst auf 600 Seiten bringenden Romanen. Wie er damit umgehe, dass die früheren Werke, einige wurden ausgezeichnet, nicht den Deutschen Buchpreis erhielten, wollte Lohr wissen. „Das ist die Ironie des Schicksals“, antwortete Kirchhoff. Aber vielleicht war es auch der Erfolg des Fußballvereins Eintracht Frankfurt. Den hatte Kirchhoff als gutes Omen gewertet, aus der Reihe der sechs zur Wahl stehenden Titel und Autoren von der Jury gewählt zu werden. Gewonnen!

Bodo Kirchhoff: „Widerfahrnis“. Frankfurter Verlagsanstalt, 224 Seiten, 21 Euro. 

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