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Der Mann mit dem „flinken Phlegma“: Gysi in Göttingen

Göttinger Literaturherbst Der Mann mit dem „flinken Phlegma“: Gysi in Göttingen

Er ist führender Kopf der Linken in Deutschland. Wo immer Gregor Gysi auftritt, hören ihm viele zu, denn er kann nicht nur denken, sondern auch unterhalten. Am Sonntag war er in einer Matinee im ausverkauften Deutschen Theater zu Gast, eingeladen vom Göttinger Literaturherbst.

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Gregor Gysi im Gespräch mit Martina Kothe.

Quelle: Arne Bänsch

Göttingen. Anlass der Einladung ist das Erscheinen von Gysis Autobiografie. „Ein Leben ist zu wenig“ hat er sie betitelt – und in der Tat hat er in seinem Leben nicht nur einen einzigen Weg beschritten. Geboren 1948 in Ost-Berlin, war er als Schulkind nebenher Sprecher beim DEFA-Synchronstudio. Als er sein Abitur ablegte, hatte er zusätzlich eine Lehre als Rinderzüchter abgeschlossen. „Unter anderem habe er dabei gelernt, „mit Hornochsen umzugehen“, sagt der 69-Jährige. Nach dem Jurastudium war er Rechtsanwalt, SED-Mitglied, wurde schlagartig mit seiner Rede am 4. November 1989 vor 500 000 Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz ein Medienstar. Dann bewerkstelligte er den Umbau der SED zur PDS, die er bis 1993 als Vorsitzender leitete. Seit 1990 ist er – mit einer kurzen Unterbrechung – Mitglied des Deutschen Bundestages, seit Dezember 2016 auch Präsident der Europäischen Linken. Seine im Rechtsanwaltsberuf geübte Eloquenz stellt er nicht nur im politischen Diskurs unter Beweis, sondern auch als Moderator in der Reihe „Gysi trifft“ im Deutschen Theater Berlin.

Gysi: „Ich finde das Vorlesen aus Sachbüchern langweilig.“

Nein, aus seiner Autobiografie wolle er nicht lesen, sagt er im Podiumsgespräch mit der NDR-Kulturmoderatorin Martina Kothe: „Ich finde das Vorlesen aus Sachbüchern langweilig.“ Stattdessen erzählt Gysi, von Kothe mit kurzen Leitfragen gelenkt, vieles aus seinem Leben, vor allem Politisches, aber auch eine Menge Persönliches. Etwa wie er 1988 in Paris – das erste Mal in seinem Leben im Westen – gestaunt habe über Autos und Käsesorten, aber auch über das viele Geld, das er als Tourist ausgeben musste, als er die Mona Lisa besichtigen wollte. Diese Erinnerung nutzt er zu einem politischen Appell, dass Jugendlichen nicht durch hohe Kosten der Zugang zur Kultur abgeschnitten werden dürfe.

Beim Fußball im Tor

Immer wieder streut er ausgesprochen griffige Formulierungen über Politik und Geschichte ein. Das SED-Politbüro sei „ja ein Altersheim“ gewesen, die Geschichte der Linken sei „eine Geschichte der Heldentaten und Verbrechen“. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe drei Vorzüge: ihr „zufälliges Lächeln“ („das dürfen Sie nicht unterschätzen“), sie sei für eine Kanzlerin „wenig eitel“ und „materiell überhaupt nicht interessiert“. Allerdings besitze sie keine Vision über Deutschland und keine über Europa. Angesprochen auf seine Aktivitäten in der Wende-Zeit, sagt er: „Hätte ich damals gewusst, was auf mich zukommt, ich hätte es nicht gemacht.“ Jetzt beginne sein zweites Leben in der BRD, „das erste war höllisch anstrengend.“ Eigentlich, gibt Gysi zu, sei er gern faul. Er besitze ein „flinkes Phlegma“, suche immer „den Ausgleich mit dem geringsten Aufwand“. So habe er auch bei Fuß- und Handballspielen immer im Tor gestanden: „Da musste ich nicht so viel laufen.“

1971 wurde Gysi mit 23 Jahren der jüngste Rechtsanwalt der DDR. „Ich habe gar nicht so viel politische Fälle gehabt“, berichtet er. „Das waren höchstens fünf Prozent.“ Als Verteidiger im Prozess gegen den Regimekritiker Rudolf Bahro (1978) habe er versucht, die Anklagevertretung davon zu überzeugen, dass sie mit dem beantragten Strafmaß von acht Jahren Haft Solidaritätskampagnen im Westen auslösen werde. Sie könnten ihn doch begnadigen, habe er vorgeschlagen – ohne Erfolg. Dann habe er angeregt, Bahro bald im Rahmen einer Amnestie freizugeben. Darauf habe die Gegenseite geschwiegen – doch tatsächlich sei Bahro bereits 1979 freigelassen: worden in einer Amnestie, die ausdrücklich auf Fälle mit langen Haftstrafen angewendet worden sei.

Ob er denn auch mit dem Nichtstun vertraut sei, will Kothe wissen. „Ja, dann höre ich Musik und träume“, bekennt Gysi. „Ich liebe die Klassik, sogar Wagner“ (Szenenapplaus), „Beethoven, Mozart, Bach. Bach ist der Größte.“ Und er liebe den Norden, „weil der mich zur Ruhe zwingt“.

Gregor Gysi: „Ein Leben ist zu wenig. Die Autobiografie“, 583 Seiten, Aufbau Verlag, 24 Euro.

Von Michael Schäfer

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