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Lorenzo Fioroni inszeniert „Der Rosenkavalier“ in Staatsoper Kassel

Verkehrung der Geschlechter Lorenzo Fioroni inszeniert „Der Rosenkavalier“ in Staatsoper Kassel

103 Jahre hat die Oper auf dem Buckel, aber sie erfreut sich ungebrochener Vitalität im Repertoire. „Der Rosenkavalier“, die „Komödie für Musik“ von Richard Strauss, ist immer noch Garant für ausverkaufte Häuser. So auch in Kassel: Dort hatte die Oper in der Inszenierung von Lorenzo Fioroni unter der Leitung von Patrik Ringborg Premiere.

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Sängerinnen mit viel Bühnenpräsenz: Celine Byrne (links) als Feldmarschallin Fürstin Werdenberg und Maren Engelhardt als Octavian.

Quelle: Klinger

Kassel. Fioroni bedient sehr wohl das Genussverlangen des Opern-Gourmets, für das der Komponist ja allüberall weidlich sorgt.

Zugleich aber belässt es Fioroni nicht beim bloßen Genuss, sondern arbeitet gern mit Irritationen, die oft eine verstörende, zum Teil auch eine verblüffende Wirkung ausüben. Die Verkehrung der Geschlechter im Original – der junge Mann Oktavian wird von einer Frau gesungen, die zeitweise die Hose mit dem Rock vertauscht und dann als die Zofe Mariandl auf der Bühne steht – wird von Fioroni ziemlich heftig überzeichnet.

Beim ihm ist Oktavian von Anfang an eine Frau, als Mariandl ist sie mit Stöckelschuhen, Minirock und Donnerbusen ausstaffiert (Kostüme: Sabine Blickenstorfer). Die männlichen Bediensteten der Marschallin tragen Frauenkleider, einige Figuren sind zu automatischen Puppen mutiert, die man aufziehen kann. Und wo wir schon beim Übertreiben sind: die turmhohen Perücken sind atemberaubend.

Aufwendiges Bühnenbild

Zum Verstören trägt Paul Zollers aufwendiges Bühnenbild erheblich bei. Die Oper beginnt mit einer leeren Bühne, auf der freundlicherweise dann doch noch das Schlafzimmer der Marschallin erscheint. Faninals Stadtpalais ist mit abenteuerlichen Jagdtrophäen geschmückt. Und das Wirtshaus im Schlussakt ist weniger ein Raum als eine Bühne auf der Bühne. Dort gibt man die „wienerische Maskerad“ vor immer wieder heftig applaudierendem (Bühnen-)Publikum.

Manche der schrägen Einfälle Fioronis sollen wohl komisch sein, sind aber einfach überflüssig, etwa wenn die Marschallin das bevorstehende Ende ihrer Beziehung zu Oktavian erahnt, in Schwermut verfällt und unversehens ihr Herz leibhaftig in den blutigen Händen hält.

Das ist ein Comic-Effekt, der zur feinen Kultur des Librettos in harschem Kontrast steht. Zum Finale wird ein historischer Film mit Soldaten projiziert, die in den Ersten Weltkrieg ziehen: ein pädagogisch ziemlich aufdringlicher Verweis auf die Entstehungszeit der Oper.

Doch der allerletzte Einfall Fioronis ist zugleich auch sein allerbester. Wenn die Marschallin abtritt, geht sie mühsam am Stock. Sie hat sich in die alte Frau verwandelt, von der sie in ihrem Zeit-Monolog im ersten Akt gesungen hat. Das berührt tief.

Zuverlässig und spielfreudig

Opulent ist die Kasseler Solistenbesetzung. Die irische Mezzosopranistin Celine Byrne ist eine wunderbare Marschallin mit zauberhaften leisen Tönen, viel Wärme in der Stimme und feinen Abtönungen. Maren Engelhardt spielt Oktavian und Mariandl mit viel Bühnenpräsenz und Charme. Stimmlich ist sie über weite Strecken eindrucksvoll, allerdings nicht ganz gleichmäßig, manche Bereiche klingen etwas abgedunkelt, kehlig.

Lin Lin Fan mit ihrem silberhellen, höhenfreudigen Sopran ist eine ideale Sophie. Der Ochs hat in Fioronis Inszenierung einige Sympathiepunkte, er muss nicht so aufdringlich poltern und keinen riesigen Wanst auf die Bühne tragen. Dieses Profil verkörpert Friedemann Röhrig mit seinem eher hell timbrierten Bass sehr glaubhaft.

Nicht ganz so viel stimmlichen Glanz bringt Marian Pop als Faninal mit. Bassem Alkhouri und Belinda Williams besitzen viel Spielwitz und vokale Beweglichkeit für die Partien des Valzacchi und der Annina. Auch die kleineren Solopartien sind angemessen besetzt.

Zuverlässig und spielfreudig agieren der Opernchor und der Kinderchor Cantamus. Dirigent Patrik Ringborg hält den großen Apparat souverän zusammen und lässt sein sehr engagiertes Orchester bis hin zu kammermusikalischer Transparenz zurücktreten, aber auch selbstbewusst und volltönend auftrumpfen.

Viereinhalb Stunden einschließlich zweier Pausen dauert dieser „Rosenkavalier“. Doch der begeisterte Schlussapplaus, in den sich einige Buhrufe gegen das Regieteam mischten, zeigte keine Spuren von Müdigkeit.

Die nächsten Termine: 19. und 26. Oktober, 9. November (17 Uhr), 15. November und 26. Dezember (18 Uhr) in der Staatsoper Kassel. Karten gibt es unter Telefon 05 61 / 10 94 222.

Von Michael Schäfer

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