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Von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen

„Lost and Found“ im Schauspielhaus Kassel Von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen

Die erste Szene spielt im Foyer des Schauspielhauses. Die Protagonisten stellen vor, was sie verloren haben. Mit Megaphonen beschrei(b)en sie unüberhörbar ihr Leid. „Lost and Found“, das jüngste Stück von Yael Ronen, hat einen Einstieg auf Tuchfühlung mit den Akteuren.

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Mit bewegender Intensität

Die Beziehung ist hin: Konstantin Marsch als Elias und Lara-Sophie Milagro als Camille.

Quelle: N. Klinger

Kassel. Ohne Umschweif wird man mitgenommen in die chaotischen Verhältnisse dieser Wiener Familie. Die Beziehungen der handelnden Personen sind kaputt, die meisten ihrer Hoffnungen zerstört. Schnutes Rockmusiker-Karriere hat nie funktioniert, die Beziehung zwischen Elias und Camille ist genauso hin wie die zwischen Maryam und Jochen. Maryams Eisprung und der Tod ihres Vaters wollen terminlich nicht zueinander passen, Vaters Beerdigung stellt Maryam vor unlösbare finanzielle Probleme.

Da winkt Rettung von unerwarteter Seite: Osama, der in London lebende Bruder des Vaters mit irakischen Wurzeln, will die Bestattung bezahlen - allerdings nur, wenn sie nach muslimischem Ritus vollzogen wird. Solange dadurch Maryams Konto geschont wird, ist ihr alles recht. All diese Verwicklungen werden gen Ende durch einen Überraschungsgast in den Hintergrund gedrängt: Yousef, ein Verwandter und Flüchtling aus Syrien, sucht eine Bleibe.

Viel mehr als ein Kreisen um sich selbst geschieht nicht in der 2015 in Wien uraufgeführten bösen Komödie von Yael Ronen. Die Autorin ist eine Theatermacherin aus Israel, Jahrgang 1976, die erst am Berliner Gorki-Theater und am Volkstheater Wien wirkte und nun für die Münchner Kammerspiele arbeitet. Die Kasseler Inszenierung von Martin Schulze ist die deutsche Erstaufführung dieses Stücks.

Bosheit und Komödie passen gut zusammen. Mit nachtwandlerischer Sicherheit findet Ronen die unzähligen Fettnäpfchen, in die man bei dem Bemühen um politische Korrektheit treten kann, und lässt ihre Protagonisten gnadenlos darin ausgleiten. Jeder Satz entlarvt sich selbst. Schwarzer Humor feiert Triumphe.

Das hat Schulze auf der von Daniel Roskamp mit langen weißen Stoffbahnen drapierten Bühne auf intelligente Weise satirisch zugespitzt. Unterschwellig rumort dabei ständig das Gefühl, dass man sich als Zuschauer für seine Schadenfreude schämen sollte.

Im Ensemble ragt Maria Munkert (Maryam) mit ihrem schrill-quicken Temperament und ihrer bodenlosen Konsequenz hoch heraus. Ihr Video-Blog zu Beginn ist ein schauspielerisches Kabinettstück. Schön poltert Christian Ehrich (Jochen), Christoph Förster mimt mit viel Witz den schwulen, erfolglosen Rocker Schnute. Konstantin Marsch spielt Elias’ Schwächen mit Bravour und kann ebenso wie Partnerin Camille (Lara-Sophie Milagro) ziemlich professionell singen. Aljoscha Langel (Yousef) ist als mindestens doppeltlebensgroße Statue noch eindrucksvoller denn als Person. Aber das stört nicht, ebenso wenig, dass das Stück aufhört, ohne einen Schluss zu haben. Die sichtlich amüsierten Premierenbesucher klatschten ausgiebig.

Aufführungen am 6., 8., 15., 21. und 26. April, am 7., 4. und 28. Mai sowie am 11. und 27. Juni im Schauspielhaus Kassel, Friedrichplatz 15. Kartentelefon 05 61 / 10 94-222.

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