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Lucia Bihler inszeniert „Biedermann und die Brandstifter“ im Deutschen Theater Göttingen

Premiere Lucia Bihler inszeniert „Biedermann und die Brandstifter“ im Deutschen Theater Göttingen

Generationen von Schülern wurden mit dem Stück „Biedermann und die Brandstifter“ gebildet oder gequält, je nach Sichtweise. Kritiker sind sich bis heute uneins, ob sie die klare Schlichtheit des Werkes von Max Frisch loben oder seine einfältige Schlichtheit anprangern sollen.

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Noch traut, ihr Heim: Dalmatiner (Moritz Schulze), Frau Biedermann (Felicitas Madl) und ihr Gatte (Karl Miller) (von links).

Quelle: Serkis

Göttingen. Und Regisseure seiner eigenen Generation hätten wenig Lust, es auf die Bühne zu bringen, sagte Erich Sidler, Intendant des Deutschen Theaters (DT) nach der Premiere am Sonnabend im Großen Haus. Sie hielten es für angestaubt. Daher, so Sidler, sei er gespannt gewesen, wie eine ganz junge Regisseurin damit umgehe. Die Organisatoren im DT hatten Lucia Bihler engagiert, Jahrgang 1988 und frisch von der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, eine feine Adresse.

 Bihler konzentrierte zuerst einmal das Personal auf das, was notwendig und vielleicht auch zeitgemäßer ist ­– einer von mehreren Versuchen, das Stück aus den 1950er-Jahren in die Aktualität zu überführen. Aus dem Haarwasserfabrikanten Biedermann wird der Parfümproduzent, der seine Duftwasser vor allem über Werbung an die Leute bringt. Er ist auch weiterhin ein Kapitalist. Eine Hausangestellte beschäftigt heute auch kaum noch jemand. Ein Statussymbol ist eher der extravagante Hund, in diesem Fall ein Dalmatiner.

Erst Hörspiel, dann Theaterstück

Die Biedermanns leben gut versorgt im schicken  Ambiente, als die Brandstifter auftauchen. Biedermann liest in der Zeitung von ihnen, er ist gut informiert in dieser Mediengesellschaft, in der sich niemand mehr herausreden kann, er habe von nichts gewusst. Und als sie schließlich vor seiner Tür stehen, unternimmt er dennoch nichts.
 Frisch widmete sich dem Stoff 1948 unter dem Eindruck der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei. Eine erste Hörspielfassung lief 1953 im Radio, uraufgeführt wurde das Theaterstück 1958 in Zürich. Die deutsche Erstaufführung brachten im selben Jahr die Städtischen Bühnen Frankfurt heraus. Inzwischen hatte Frisch dem Werk ein Nachspiel in der Hölle angefügt. Er zeigte Biedermann als jemanden, der sich mit den Nazis verbrüdert. Das wiederum war ihm später zu konkret. Die Parabel sollte Parabel bleiben, also ein Lehrstück ohne eindeutige Verortung und Verzeitlichung. Und so legte es auch Regisseurin Bihler an, der Stoff soll ja die Jahrzehnte zwischen der Entstehung und dem Heute überbrücken.

„Ein Lehrstück ohne Lehre“

Dem Göttinger Biedermann (Karl Miller) hat der Bühnen- und Kostümbildner Josa David Marx, der in seiner Vita ein Praktikum bei Punk-Designerin Vivienne Westwood aufgelistet hat, ein Outfit verpasst, das zwischen den 50ern und den 80ern pendelt. Biedermanns Ehefrau (Felicitas Madl) erscheint wie eine von Andy Warhol gedruckte Marilyn Monroe. Ihr Dalmatiner (Moritz Schulze) landet mit den beiden in der Hölle, aus der die beiden dämonischen Brandstifter (Bardo Böhlefeld, Frederik Schmid) entsprungen scheinen. Marx stattete sie mit gruseligen Kontaktlinsen aus. Als Zentrum des Geschehens entwarf der Bühnenbildner einen Parfümflakon, der sich später als ausgesprochen explosiv entpuppt. Bihler inszenierte all das sehr präzise auf eine Länge von 75 Minuten. Sie nahm den Stoff ernst und aktualisierte ihn kaum merklich. Die Zuschauer können weiterhin  ein „Lehrstück ohne Lehre“, eine Parabel, eine Geschichte mit Moral erleben. Das hat Bihler bewahrt - angesichts einer durchdrehenden Welt sehr nachvollziehbar. Warum allerdings der Biedermann in seiner Erscheinung eher an einen Popstar aus den 80er-Jahren erinnert, ist kaum nachvollziehbar. Das Publikum hatte großen Spaß an der Produktion und feierte sie minutenlang.
 
Weitere Vorstellungen: 28. April, 20. und 29. Mai, 2., 5., 8., 9. und 11. Juni sowie am 12. Juli. Kartentelefon: 0551/496911.

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