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Lust an Dramatik und innigem Wohlklang

Händel-Festspiele Lust an Dramatik und innigem Wohlklang

Vielfalt war Trumpf am Pfingstwochenende der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen 2009. Das Spektrum reichte von großen Oratorien über Kammermusik und virtuosen Sologesang bis zur Wissenschaft und zum Jazz – beklatscht von einem begeisterten Publikum.

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Große Geste: Simone Kermes mit dem Ensemble „Le Musiche Nove“.

Quelle: Peter Heller

Als Primadonna furiosa eröffnete Simone Kermes mit einer Arie von Nicola Porpora ihr Konzert am Sonnabend in der Aula. Man täte ihr aber Unrecht, bezeichnete man sie – wie es ein Teenager im Publikum tat – ihres ungestümen Auftretens wegen als „Amy Winehouse der Barockmusik“. Ihre Lust an Dramatik, am stimmlichen Spektakel, an großer Geste und schrillem Outfit vermag Kermes freilich kaum zu leugnen – was das Festspielpublikum alljährlich ergötzt. Immerhin wird man erwägen können, dass sie jenen Primadonnen, mit denen Händel seinerzeit sein zweifelhaftes Vergnügen hatte, wohl ähnlicher ist als die meisten ihrer Kolleginnen.

Glücklicherweise bewies Kermes aber auch, dass sie nicht nur die exaltierte Koloratursopranistin, sondern auch zu innigem Wohlklang fähig ist – so beispielsweise in Leonardo Leos Arie „Manca sollecita“. In Händels Arie „Se pietà di me non senti“ spielten insbesondere die Violinen der Sängerin textgemäße Innigkeit zu; und es schien, als nähme der Komponist selbst seine Interpretin an die Hand. Nach Händels „Scherza in mar la navicella“, vom Cellisten Giuseppe Mulè mit gehörigem drive versehen, war das Publikum schon vor der Pause aus dem Häuschen, zumal Kermes hier eine extreme Kadenz geboten hatte, sichtlich eines ihrer Steckenpferde – im Finale, einer ohnehin wilden Arie von Johann Adolf Hasse, zwang sie den Gitarristen wahrhaftig in die Knie.

Das Ensemble „Le Musiche Nove“ spielte durchgehend mit geschärfter Verve, angefeuert von seinem Primarius Enrico Casazza – so etwa in den erstaunlich frühbarock wirkenden kurzen Sätzen der urwüchsigen „Follia“ Domenico Gallos. Musikalisch spannend, wie die Musiker die für diesen verrückten Tanz nötige Kraft nicht nur in den langsamen Sätzen zwischen den raschen, sondern immer wieder auch innerhalb der schnellen Sätze bändigten. Hier gefiel Marco Pesci (Theorbe) auch mit der Barockgitarre, die in den vergangenen Jahren zunehmend eingesetzt wird. Exquisit geriet das abschließende Grazioso aus einer Oper Hasses. Musikgeschichtlich interessant war die Darbietung von „Ombra mai fu“ – eben nicht die populäre Händel-Arie, sondern die frühere Vertonung durch Händels Londoner Rivalen Giovanni Bononcini: kürzer als Händel, eine Idee farbiger, was die instrumentale Begleitung betrifft. Mit zwei Zugaben von Kurt Weill und Henry Purcell ging ein kurzweiliger Abend mit hohem Spaßfaktor zu Ende.  Karl Friedrich Ulrichs

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