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72 Jungfrauen und eine Knabberbrezeltüte

Kabarett 72 Jungfrauen und eine Knabberbrezeltüte

Der eine ist Christ, der andere Muslim. Die Kabarettisten Lutz von Rosenberg Lipinsky und Kerim Pamuk haben sich am Donnerstag mit ihrem Programm „Brüder im Geiste“ im Göttinger Apex einen interreligiösen Showkampf geliefert. Natürlich mit den Mitteln der Satire.

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Lutz von Rosenberg Lipinsky und Kerim Pamuk überzeugen mit pointenreichem Kabarett.

Quelle: Alciro Theodoro da Silva

Göttingen. Erst einmal werden die Verhältnisse der Konfessionen im Publikum geklärt. Protestanten da? Zahlreiche Klatscher. Katholiken? Etwa gleiche Zahl, aber deutlich lauteres Klatschen. Muslime, Veganer, Nudisten da? „Agnostiker“ und „Atheisten“ rufen zwei Zuschauerinnen zurück. „Agnostikern ist alles sch … egal, Atheisten nicht“, kommt als Definition noch hinterher.

Der Prophet und Jesus

Dann startet der Showkampf. Heilige Bücher, Diskriminierungsfaktor, Fanatismus: In Kategorien versuchen die Kabarettisten, sich gegenseitig auszustechen. „Mohammed, über 60 Jahre, Prophet und Mediator, fünf Hauptfrauen und eine unbekannte Anzahl von Nebenfrauen und Kindern“, sagt Pamuk. „Jesus, etwa 30 Jahre, echter Rock‘n‘Roller, Single, starb jung für unsere Sünden“, kontert von Rosenberg Lipinsky. „Mohammed ließ andere für seine Pläne sterben.“ Der Punkt geht an Pamuk.

Pamuk, Muslim und studierter Orientalist, steht seit etwa 20 Jahren als Kabarettist auf der Bühne, von Rosenberg Lipinsky, Autor, Protestant und studierter Theologe, seit gut 30 Jahren. Und nachdem beide schon religiöse Themen in ihren Soloprogrammen bearbeitet haben, sind die Wahl-Hamburger seit gut einem Jahr mit ihrem „Kabarett zwischen Kreuz und Koran“ unterwegs.

Ob Grundlagen und Grundsätze, Überlieferungen, Auslegungen („Auslegware“), Abspaltungen, Konflikte, Radikalisierungen und Parallelen zwischen Christentum und Islam: Die beiden Herren betrachten ihren religiösen Hintergrund, stellen sich gegenseitig Fragen, liefern historische Belege, schaukeln sich gegenseitig hoch, überspitzen und demaskieren was das Zeug hält.

Banane statt Knabberzeug

In hohem Tempo prasselt eine wahre Informationsflut hernieder. Und die vielen müden Zuschauer-Gesichter nach der Pause lassen erahnen, dass es einigen schon schwer fällt, zu folgen. Gut, dass die Kabarettisten neben allen Fakten auch mit reichlich Pointen zu unterhalten wissen. Und das beim Geplänkel mit dem Publikum auch trefflich auf den Punkt. Das anhaltende, laute Rascheln einer Zuschauerin mit einer Knabberbrezeltüte in der ersten Reihe strapaziert merklich Pamuks Nerven. Erst nimmt er ihr charmant die Tüte ab und holt dann flugs eine Banane aus der Garderobe. Falls sie Hunger habe.

Wie der interreligiöse Schlagabtausch endet? Auf jeden Fall für Pamuk mit der attraktiveren Aussicht. Auf ihn warten 72 Jungfrauen, auf seinen Bühnenpartner eine Harfe.

Von Karola Hoffmann

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