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Zitronenblüte und Gangsta-Poesie

Lyrikfestival Poetree Zitronenblüte und Gangsta-Poesie

Das zweite Lyrikfestival Poetree ist am Sonnabend über die Bühne gegangen, wegen des Wetters im Literarischen Zentrum statt im Cheltenham-Park. Ein sehr abwechslungsreicher Nachmittag, bei dem sieben Dichter, Slammer, Wortkünstler und Songpoeten ihre Kunst zeigten. Der Besucherandrang war groß.

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Beim Lyrikfestival Poetree traten sieben Wortkünstler auf.

Quelle: Peter Heller

Göttingen. Schon im Vorjahr war Regen ein hartnäckiger Begleiter des Festivals. So beschlossen die Organisatoren, das Festival in diesem Jahr einen Monat später zu veranstalten, um dann aber wegen möglichen Unwetters die Veranstaltung kurzfristig in das Literarische Zentrum zu verlegen. Ein Festival ohne Bäume, dafür bei offenen Fenstern und mit entspanntem Genuss.

Mit Slam Poetry kommt Tilman Döring auf die Bühne. Als „junges Urgestein des Slams“ angekündigt, versteht er es, mit Witz und Vielfalt zu unterhalten. Zwischen tiefgründig poetisch und albern witzig kommen seine Texte daher, und wenn es der Metrik dient, auch mit Grammatik-Fehlern. Die schönsten Raucherbereiche Deutschlands thematisiert er ebenso wie das Ende einer Liebe. Gangsta-Poesie verbindet er mit gerappter Lyrik: „Mein Verlag ist mein Ghetto. Es ist so hart hier, wir finanzieren unsere Bücher nur über Hartz IV“.

Rhytmische und musikalisch notierte "Sprechduette"

Mit rhythmischen und musikalisch notierten „Sprechduetten“ verzaubern Xaver Römer und Julia Trompeter. Seit 2009 als Duo mit lyrischen Performances unterwegs, zeigen die Kölner dialogisch und zweistimmig, wie liedhaft sie mit Sprache umzugehen verstehen. Von dem studierten Jazzgitarristen Römer konzipiert und arrangiert, harmonieren die Textpassagen wie in einem Musikstück. Und in sprachlichen Dioramen nimmt das Duo das heiter lächelnde Publikum mit auf Autobahnen, in die Wüste, in den Wald und an die See.

Beim lyrischen Speed-Dating teilt sich das Publikum in kleinere Gruppen an mehreren Stationen auf. Die Künstler kommen dazu und wechseln nach 15 Minuten. Statt unter Bäumen im Park ist die Lyrikerriege nun im Raum sehr gefordert, gegen das Stimmgewirr anzusprechen. Aber das lässt die Zuschauer noch aufmerksamer lauschen.

Fragen zur Themenfindung und Arbeitsweise

Tilman Döring und Timo Brunke nutzen ihr Zusammentreffen an einer Station für eine Platzhirsch-Begegnung. Odile Kennel und das Duo Römer/Trompeter präsentieren weitere Texte und sind für Fragen etwa zur Themenfindung und Arbeitsweise offen. „Erzähler arbeiten horizontal, und die Lyrik ist für mich eher eine vertikale Bewegung“, erklärt Kennel. Roman und Film seien sich sehr nah, während Fotografie und Lyrik sich sehr nah kämen.

Mit Timo Brunke, einem Mitbegründer der deutschsprachigen Poetryslam-Szene heißt es, Orpheus folgen und „Dichten downtown“. Schauspielerisch im Vortrag und mit viel Verve bringt der Wortkünstler seine detailreichen Beobachtungen im städtischen Alltagsleben in geschliffene Wortkaskaden. Der Supermarkt wird zum „Sortimentropolis“ und simples Eincremen zu einem „Parallelerlebnisuniversum meiner Haut“. Goethes Klassiker „Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn“ interpretiert der Stuttgarter ganz modern in schwäbischer Mundart und im Proll-Slang „Halt’s Maul, du Penner. Isch mach disch Paradies.“ Darüber hinaus standen die schottische Lyrikerin Annie Rutherford und die singende Dichterin Marlen Pelny auf dem sechsstündigen Festival-Programm.

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