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Marco Štorman inszeniert „Immer noch Sturm“ von Peter Handke

Folgenreiche Vergangenheit Marco Štorman inszeniert „Immer noch Sturm“ von Peter Handke

„Bleier Svinez“ steht auf den Apfelsaftkisten, die auf der Bühne des Schauspielhauses zu einer riesigen Pyramide aufgestapelt sind. Svinez ist ein slowenischer Name, Bleier die eingedeutschte Fassung.

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Spielfreudig: das Ensemble der Inszenierung „Immer noch Sturm“.

Quelle: Klinger

Kassel. Um eine slowenische Obst­bauern-Familie in Kärnten geht es in Peter Handkes Buch „Immer noch Sturm“. Ein Ich-Erzähler berichtet vom Schicksal seiner Familie, von den Großeltern, der Mutter und den vier Geschwistern der Mutter, die ebenfalls zu Worte kommen: eine Mischung aus Drehbuch und Prosa. Allerdings nicht ein traditionelles Theaterstück, das sich aus Dialogen entwickelt.

Handke erzählt vom Schicksal der Slowenen in Kärnten. Ein Schicksal, das seine eigene Biografie bestimmt hat: Geboren wurde er 1942 als uneheliches Kind einer Kärntner Slowenin. Sein Vater war ein deutscher Soldat, der in Kärnten stationiert war. Handkes Mutter hieß Siveć. Darauf verweist, kaum verhüllt, der Name Svinez im 2011 uraufgeführten Theaterstück: ein Stück über Heimat, über Unterdrückung, Mut und Überlebenswillen.

Die Zeitreise, die Handke unternimmt, reicht von 1936 bis 1945. In einer Abstimmung nach dem ersten Weltkrieg hatten die Südkärntner mehrheitlich für einen Verbleib bei Österreich und gegen einen Anschluss an Jugoslawien votiert – was nicht die Spannungen zwischen Kärntner Slowenen und Österreichern beseitigte.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 wurden sie deutsche Staatsbürger – die einzigen Deutschen, die im Zweiten Weltkrieg einen Partisanenkrieg führten. Das belohnten die Siegermächte nach Kriegsende 1945 mit der Erlaubnis für Österreich, sich wieder als selbstständiger Staat zu konstituieren.

Wer mit Kärnten bislang nur Gedanken an warme Badeseen verknüpft hat, sich vielleicht entfernt noch an Streitigkeiten über zweisprachige Ortsschilder erinnert, gewinnt hier überraschende Einsichten in historische Zusammenhänge, in eine Vergangenheit, deren Folgen bis heute reichen. Nicht in Form einer Geschichtslektion, sondern mittels einer faszinierenden, poetisch erzählten Familiengeschichte mit vielen unterschiedlichen Facetten.

Marco Štorman – ein deutscher Regisseur mit slowenischen Wurzeln – gibt sich viel Mühe, aus dem Prosatext lebendiges Theater zu machen. Das gelingt ihm über weite Strecken, manchmal allerdings kann er Längen nicht überspielen. Den Rahmen inklusive Apfelsaftkisten-Pyramide hat Bühnenbildnerin Frauke Löffel detailreich gestaltet.

Im achtköpfigen Ensemble –souverän: Ich-Erzähler Peter Elter als Alter Ego Handkes, konturenscharf: Jürgen Wink als Großvater – ragen vor allem zwei sehr starke Frauen heraus, Anna Böger als Mutter und Anke Stedingk als Ursula. Sehr bemerkenswert ist die Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und Reife bei Moritz Löwe (Benjamin).

Weitere Vorstellungen in der Staatsoper Kassel, Friedrichsplatz: 12., 13., 18., 19., 27. Juni, 4. und 22. Juli um 19.30 Uhr. Karten gibt es unter Telefon 05 61 / 10 94-222.

Von Michael Schäfer

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