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Marica Bodrožić mit „Mein weißer Frieden“ im Literarischen Zentrum Göttingen

Entsetzen und Mitgefühl Marica Bodrožić mit „Mein weißer Frieden“ im Literarischen Zentrum Göttingen

Manchmal duften Wunder nach Apfelstrudel. Wenn im Krieg zwei Kinder hungern müssen und vom Nachbarn ein Blech der süßen Speise geschenkt bekommen, dann ist Wunder wohl das richtige Wort. Bei ihrer Lesung im Literarischen Zentrum hat die Autorin Marica Bodrožić von Begegnungen mit Menschen erzählt, die den Krieg erlebt haben.

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Marica Bodrožić: „Das Buch stellt die Frage nach Krieg und Frieden“.

Quelle: Vetter

Göttingen. Die Schriftstellerin stammt aus Kroatien und hat dort ihre Kindheit verbracht. Im Alter von zehn Jahren kam sie nach Deutschland. Im gut gefüllten Zentrum stellte Bodrožić ihr neues Buch „Mein weißer Frieden“ vor, das im September 2014 erschienen ist. Die Moderation übernahm ihr Schriftstellerkollege Christian Uetz aus Zürich.

Das Buch entstand durch eine Recherchereise zu den Orten ihrer Kindheit und basiert auf Gesprächen mit Familienmitgliedern, Bekannten und Fremden. „Das Buch stellt die Frage nach Krieg und Frieden“, so Bodrožić. Ihre Akteure sind ehemalige Soldaten, Zivilisten oder Menschen, die während der Jugoslawienkriege noch Kinder waren.

„Mein weißer Frieden“ sei aus einer autobiografischen Perspektive geschrieben, worauf die Autorin besonders hinwies: „Dieses Ich ist ein denkendes Ich, das ganz nah an mir selbst ist.“ Dieses Ich kennt den Krieg aber nur aus Erzählungen. Beschreibungen vom Krieg werden hier deshalb nicht plakativ grausam, nicht blutig und durch explizite Kampfhandlungen vermittelt. Viel mehr erzählt Bodrožić ruhig, oft sachlich und zurückgenommen, sogar in poetischer Sprache. Sie beobachtet, sammelt Hinweise, zieht eigene Schlüsse. Vom Krieg könne keiner reden, der nicht selbst dabei gewesen sei, lässt Bodrožićs die Erzählerin Familienangehörige zitieren. Sie irren.

Denn gerade durch die Distanz zu dem eigentlichen Kriegsgeschehen kann Bodrožić eindrücklich deutlich machen, welche Grausamkeit tatsächlich geschehen sein muss. Noch immer wirken die Rohheit und der Gräuel des Krieges nach. Wie viel Angst muss ein Mensch in einer Situation gehabt haben, dass er noch 20 Jahre danach nicht darüber sprechen kann? Was kann ein Mensch erlebt haben, dass er die eigene Erinnerung nicht ertragen kann und sich selbst umbringt? Immer wieder beschreibt Bodrožićs Erzählerin die Situation als Außenstehende. „Aber merkwürdig verstörend, dass ich sie noch immer liebe. Obwohl ich weiß, dass auch sie getötet haben“, schreibt Bodrožić über ehemalige Soldaten in ihrer Familie.

Für sie seien Selbstbeobachtung und Selbstverortung Wege für den Zusammenhalt in der Gesellschaft, erklärte die Autorin. Wer sich selbst findet und sich wertschätzt, könne auch sein Gegenüber respektieren, so Bodrožić im Gespräch mit Moderator Uetz. Ein gelungener Abend voll Schauer und Entsetzen, aber auch voller Mitgefühl, Poetik und einer Spur Philosophie.

Marica Bodrožić: Mein weißer Frieden, Luchterhand Literaturverlag, 336 Seiten, 19,99 Euro.

Von Daniela Lottmann

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