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Mathias Tretter mit seinem Programm „Selfie“ im Göttinger Apex

Allererste Riege Mathias Tretter mit seinem Programm „Selfie“ im Göttinger Apex

Er hätte auch Mozart für die Auftrittsmusik wählen können. Aber abergläubisch wie er sei, wollte er dann doch nicht „mit einem Österreicher einmarschieren“. So kommt Kabarettist Mathias Tretter mit weit ausgebreiteten Armen zu den donnernden Klängen der Ouvertüre des „Fliegenden Holländers“ auf die Bühne des Göttinger Apex und gibt den Wichtigtuer.

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Beachtliches Themenspektrum innerhalb kürzester Zeit: Mathias Tretter im Apex.

Quelle: Heller

Göttingen. Richard Wagner sei sein Vorbild und das Thema seines Programmes „Selfie“ global für ihn das Wichtigste „nämlich ich“. Die Devise lautet: „Wenn Apokalypse, dann vorher noch Apotheose.“

Und zur Selbstinszenierung gehören für Tretter in Zeiten der Postdemokratie mit neuen Medien wie Facebook und Instagram auch Äußerlichkeiten zur Selbstoptimierung. Schließlich bilanziert der 42-Jährige nach zehn Jahren systemkritischer Pointen als politischer Kabarettist immerhin neun Jahre Kritik an Angela Merkel. Nach dem jahrelangen Parodieren habe er mittlerweile eine „Merkel-Lähme“, das heißt herunterhängende Mundwinkel. Und dann ist Tretter nach all den Bögen, die er schlägt, mittendrin im politischen Tagesgeschäft. Bei Bundeswehr-Chefin Ursula von der Leyen und defekten Flugzeugen, bei bombardierenden Amerikanern, Kurden und 30 000 „Kalifatzkes“.

Bei all den locker-leichten Frotzeleien über eigene Unzulänglichkeiten und alltägliche Nichtigkeiten wie einen „Balsamico-Sprayer“ baut Tretter die nötige Fallhöhe auf.  Wortgewandt erzählend nimmt er sein Publikum mit, und fröhlich lachend sieht man sich plötzlich mitten im Epizentrum politischer, wirtschaftlicher und globaler Realitäten. Flüchtlingsströme, Klimawandel, Ressourcenknappheit, 2,5 Milliarden Inder und Chinesen, die westlichen Lebensstandard anstreben, eine Milliarde Hungernder und 45 bewaffnende Konflikte weltweit: Tretter nennt Zahlen und Fakten.

„Selbst Migrant“, in Würzburg aufgewachsen und jetzt in Leipzig zuhause, wartet der Kabarettist mit zwei herrlich-flapsigen Figuren auf: der fränkisch-nuschelnde dauerbekiffte Arbeitslose Ansgar und Rico, Werbefachmann und Sachse. Das Trio räsoniert über Zeitgeist, Lifestyle, Modekrankheiten und Patchwork-Religionen und Tretter kann dabei sein schauspielerisches Können ausspielen.

Die zwei Stunden Programm vergehen wie im Flug und das Themenspektrum ist beachtlich. Jugendsprache und Goethes Faust in eineinhalb Minuten, absonderliche Kinder-Namen und Hipster-Allüren, Finanzkrise und entvölkerte Landstriche in Ostdeutschland samt Pegida und Rechtsradikalismus, Konsumterror und die neue Sehnsucht nach Religion. Polemisch, selbstironisch, intelligent, eloquent, unterhaltsam, niveauvoll. Tretter gehört zur allerersten Riege junger politischer Kabarettisten, zu jenen, die nicht in den Fußstapfen eines Granden wie Dieter Hildebrandt versinken würden. Großartig.

Von Karola Hoffmann

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