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Matinee für Günter Grass im Deutschen Theater Göttingen

„Er liebte den großen Schwung“ Matinee für Günter Grass im Deutschen Theater Göttingen

Er hat sich bis zuletzt eingemischt. Günter Grass war ein „engagierter Bürger-Demokrat“ und ein Schriftsteller, der virtuos mit Lyrik und Prosa umgehen konnte, so sein Göttinger Verleger, Gerhard Steidl. Nur allzu gern habe er die Idee von Klaus Wettig, ehemaliger SPD-Europaabgeordneter, aufgegriffen,  ein Bühnenprogramm mit Texten des im April dieses Jahres verstorbenen Literatur-Nobelpreisträgers zu unterstützen.

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„Vonne Endlichkait“: Helene Grass liest aus dem letzten Buch ihres Vaters.

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Ausschnitte aus politischen Essays, Briefen aber auch aus dem letzten Werk „Vonne Endlichkait“ waren am Sonntag in der Matinee „Federleicht vogelfrei sein“ im Deutschen Theater zu hören, musikalisch begleitet von Günter Baby Sommer.

Die gute alte Tante SPD, Grass prägte den Begriff für die Partei und das, so Wettig, war vielen Genossen gar nicht so recht. Auch seine Wahlkampfreisen kamen nicht immer gut an, suchte er doch oft Orte aus, wo er mit Widerspruch rechnen musste. Grass habe Differenzen nie verschwiegen.

Politik sei ein großer Teil seines Werkes gewesen. „Kunst solle sich reinhalten von der Politik, dieses Lied ist mir bekannt“, schrieb Grass. Seine Sache war es nicht.

Von seinem Besuch im fiktiven Örtchen  Schnecklingen –  „hier wird nicht gesprungen, wir beeilen uns nicht“ –, aus einem Brief an Willy Brandt, dem er „Mut machen will zum Mut, damit die allgemeine Mutlosigkeit nicht auch meinen Schreibtisch belegt“, von seinem geliebten Land, dem er verhaftet bleibe, „notfalls auch als Splitter im Auge“ lasen die DT-Schauspieler Bardo Böhlefeld, Florian Eppinger, Elisabeth Hoppe, Moritz Schulze und Andrea Strube.

Alles Kleinliche war ihm zuwider, er liebte den großen Schwung, die Wucht, verteidigte die sinnliche Daseinsfreude im Bewusstsein der Endlichkeit. Prof. Heinrich Detering, Göttinger Literaturwissenschaftler und Leibnizpreisträger, bezeichnete Grass als letzten barocken Dichter. 

„Vonne Endlichkait“, das im August bei Steidl erscheinen wird, ist eine Mischung aus Prosatexten, Dichtung und Zeichnungen. Grass’ Tochter, die Schauspielerin Helene Grass, las daraus vor. Nachdenklich und heiter ist der Ton des Autors. Da nimmt er beispielsweise Abschied von den restlichen Zähnen. Der Letztzahn, tauge nur noch, um die Enkel zu erschrecken. 

Er macht Bestandsaufnahme bei seinen Briefen. Einige, in denen er wortreich geschwiegen hat, hätte er besser nicht abgeschickt, findet er.  Erzählt von Erdmöbeln, Särge, die seine Frau und er sich haben anfertigen lassen. Sie liegen darin auch zur Probe. „Beim Aussteigen wurde mir meine Frau behilflich.“

Vogelfedern seien das häufigste Motiv in dem Band, erzählt Detering. Vorläufigkeit und Endlichkeit symbolisieren sie, aber auch die Leichtigkeit des Sterbens. Anrührend, manchmal bezaubernd sei das Buch, es helfe uns „etwas besser mit unserer Endlichkeit zurechtzukommen“, so Detering.

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