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Mehr Leistung, weniger Schlaf

Uraufführung: „Das Maß der Verlässlichkeit“ Mehr Leistung, weniger Schlaf

Als „rätselhaft“ bezeichnete Intendant Thomas Bockelmann das Stück von Benedikt Bernhard Haubrich, das am Donnerstagabend im Theater im Fridericianum uraufgeführt wurde, der Studiobühne des Staatstheaters Kassel. Regie führte Patrick Schlösser, seit dieser Spielzeit Oberspielleiter des Staatstheaters.

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Im Morgengrauen nach der Arbeit und vor dem Schlaf: Forscherin Lentz (Anke Stedingk, links), ihr Lebensgefährte (Enrique Keil) und Tochter Sarah (Alina Rank).

Quelle: Klinger

Der eine kann nicht schlafen, die andere spricht nicht mehr. Sie bleibt stumm, weil ihre Mutter sich nicht ausreichend kümmert. Sie ist eine renommierte Schlafforscherin, die jenen Patienten betreut, der kein Auge mehr zu tun kann.

Tatsächlich hat Autor Haubrich, der auch als Regisseur arbeitet, einiges Rätselhafte in sein drittes Theaterstück geschrieben. Die Figuren reden und argumentieren bisweilen eigenwillig und nicht ganz einfach nachzuvollziehen. Doch mit der Erkenntnis, das der zentral in der Geschichte stehende Schlafmangel durch ein Übermaß an Arbeit und ein Verwischen der Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem verursacht wird, besitzen die Theaterbesucher den Schlüssel fürs Verständnis, und vieles klärt sich: Haubrich kritisiert die Leistungsgesellschaft.

Die erfolgreiche Schlafforscherin Kattrin Lentz (mal energisch, mal hilflos: Anke Stedingk) ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder, die ihr Leben umorganisieren musste. Nachts arbeitet sie in ihrem Schlaflabor, im Morgengrauen trifft sie die Töchter, tagsüber schläft sie. Dass sie eine Beziehung zu einem ihrer (noch therapiebedürftigen) Patienten (Enrique Keil) eingeht, treibt erste Risse ins Familiengefüge. Und als sie den Grund für die totale Schlaflosigkeit eines zweiten Patienten (Björn Bonn) nicht finden kann, bricht ihr Leben auseinander. Die ältere Tochter Sarah (Alina Rank) fühlt sich diffus beobachtet, die jüngere, Hannah, stellt das Reden ein. Und der neue Lebensgefährte fälscht seine Schlafprotokolle.

Regisseur Patrick Schlösser hat einige schöner Ideen umgesetzt. So lässt er die schweigende Tochter, feinsinnig gespielt von Marie-Claire Ludwig, deren Muttersprache Luxemburgisch sprechen, wenn sie denn etwas sagt. Mutter, Tochter, zwei Generationen, die nicht mehr die gleiche Sprache sprechen.

Viele Szenen sind Schlösser eindringlich und intensiv gelungen, doch hier und da fehlt der 90-minütigen Inszenierung der umfassende Rahmen, sie franst an den Rändern aus. Und dass Schlösser eine Videokamera einsetzt, die zu wenig mehr taugt als unbeachtet Live-Bilder auf eine Leinwand zu projizieren, läuft wohl unter dem Label „modern“.

Weitere Vorstellungen: 25. und 30. Januar sowie am 4. und 19. Februar um 20.15 Uhr im Theater im Fridericianum, Karl-Bernhardi-Straße in Kassel. Kartentelefon: 05 61 / 10 94 222.

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