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Miranda July stellt ihren Roman „Der erste fiese Typ“ im Alten Rathaus Göttingen vor

„Kunst ist harte Arbeit“ Miranda July stellt ihren Roman „Der erste fiese Typ“ im Alten Rathaus Göttingen vor

Miranda July ist eine zierliche Frau mit überraschend tiefer Stimme. Die Filmemacherin, Performancekünstlerin und Autorin hat ihren Roman „Der erste fiese Typ“ im Alten Rathaus vorgestellt. Die vom Literarischen Zentrum organisierte Veranstaltung wurde von der Amerikanistin Mary Ann Snyder-Körber moderiert.

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Miranda July

Quelle: Heller

Göttingen.  „Der erste fiese Typ“ handelt von Cheryl, einer „birnenförmigen Frau in den Mittvierzigern“, die alles in ihrem Leben penibel und ökonomisch organisiert hat. Doch als Clee, die 20-Jährige Tochter ihres Chefs, zusammen mit ihrem Chaos bei ihr einzieht, nimmt eine Hassliebe ihren Anfang. Zwischen den beiden Frauen kommt es zu Kampfszenen.

„Cheryl ist wahrscheinlich die Frau, die ich hätte werden sollen“, beschreibt July ihre Protagonistin. „Man muss mit seiner Schattenperson etwas tun, außer sie nur zu hassen. Cheryl kann dieses Buch haben.“ Besonders gerne beschreibt die 41-Jährige Schriftstellerin Gegenstände. Die Personenbeschreibungen sind ihr eher lästig: „Ich lasse das am Anfang aus und denke, das kann ich noch später einfügen. Aber wenn ich fertig bin, habe ich oft keine Lust mehr dazu.“ Objekte hingegen faszinieren July: „Bei einer Tasse wissen alle, was gemeint ist. Und wenn ich Bedeutungen hinzufüge, über die wir nicht übereingekommen sind, dann fungiert die Tasse trotzdem als Anker dafür.“ Die Objekte, die sich die Autorin aus Los Angeles für ihren Roman ausgedacht hat, haben die Buchseiten verlassen und wurden im Internetstore „The First Bad Man“ verkauft. Interessierte konnten eine abgegriffene Ein-Dollar-Note für 130 Dollar erwerben. Oder einen Schlüsselanhänger mit Plastikente für 160 Dollar. „Es ist interessant, wofür Menschen Geld ausgeben“, kommentiert July ihre Verkaufsidee, deren Erlöse sie einer Wohltätigkeitsorganisation spendete.

Es entsteht der Eindruck, July distanziere sich von ihrer Tätigkeit als Autorin. Wenn sie den Schaffensprozess ihres Buches beschreibt, kommentiert sie dies mit den Worten, sie habe sich „wie eine echte Schriftstellerin gefühlt“. July beschränkt sich nicht auf ein Genre oder eine Kunstform. Sie führte Regie und spielte die Hauptrolle in „Ich und du und alle, die wir kennen“. Sie schrieb Kurzgeschichten, die im Erzählband „Zehn Wahrheiten“ veröffentlicht wurden. Und sie entwickelte die Messaging-App „Somebody“, über die sie einen Kurzfilm drehte.

Über ihre Kunst sagt sie, sie hätte oft das Gefühl, es gäbe eine bessere Zeit in der Zukunft, um ein Projekt anzufangen. „Man geht zur Schule, man ist krank, bekommt ein Kind: es gibt viele Gründe keine Kunst zu machen. Aber die Zeit in der wir Kunst am meisten brauchen ist eben, wenn wir zur Schule gehen, krank sind oder ein Kind bekommen“, erzählt July und wird dabei zum ersten Mal an diesem Abend lebhafter. Es gäbe keine perfekte Zeit, um kreativ und künstlerisch zu sein. Niemand wolle etwas von ihren Ferien hören. July ist überzeugt: „Kunst ist harte Arbeit.“ July bestritt den Abend in ihrer Muttersprache Englisch, Andrea Strube, Schauspielerin am Deutschen Theater, las Auszüge aus der deutschen Übersetzung des Buches.

Miranda July: „Der erste fiese Typ“, Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 19,99 Euro.

Von Jorid Engler

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