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Mit Weißkraut, Möhre und Mangold

31. Figurentheatertage Göttingen Mit Weißkraut, Möhre und Mangold

„Mein Fleisch“ haben Besucher der 31. Göttinger Figurentheatertage am Sonntag im Jungen Theater erlebt. Studierende der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ im Studiengang Puppenspielkunst zeigten die Diplominszenierung – eine theatralische Auseinandersetzung zum Thema Massentierhaltung.

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Studierende der Hochschule "Ernst Busch" präsentieren "Mein Fleisch" im Jungen Theater.

Quelle: Heller

Göttingen. Halb Mensch, halb Schwein. Das Schweinekind ist eine besondere Kreatur. Geboren in einem Mast- und Schlachtbetrieb und hineingeboren in eine Welt, die maßgeblich von fünf Parteien und deren Interessen beherrscht wird. Eine Tierschützerin, ein Koch, eine Bäuerin, ein Tierarzt und Gastarbeiter im Schlachthof eröffnen unterschiedliche Perspektiven bei der Auseinandersetzung mit dem komplexen Sujet.

 Damit nicht genug. Die Inszenierung unter der Regie von Dozent Prof. Jochen Menzel wartet mit einer besonders schillernden Idee auf. Der kleine Held der Geschichte ist nicht nur ein Hybridwesen. Angelehnt an die biblische Weihnachtsgeschichte ist das naive und neugierige Schweinekind vielmehr als „Erlöser“ auserkoren, dem auch gleich drei Schweinezur Geburt im Stall mit „Weißkraut, Möhre und Mangold“ huldigen. Das Thema ist schwer, und dass gelacht werden darf, macht es wesentlich leichter verdaulich.

Eingebettet in den Erzählrahmen einer vorgelesenen Geschichte nehmen die Spieler Nathalie Wendt, Lena Wimmer, Nico Parisius und Casper Bankert die Zuschauer durch ständig wechselnde Szenerien und Perspektiven mit. Wobei ein Stapel aus Styroporblöcken zwischen Ställen, Schlachtbetrieb, Küchen-Studio und Videoblog-Chat schnell neue Räume entstehen lässt.

Die Spielformen reichen von der Handpuppe über Maskenspiel bis zum Schauspiel der Akteure. Und das Quartett zeigt eine abwechslungs- und temporeiche Aufführung, die durch vielfältige Mittel wie Live-Kamera-Einspieler, Musik, Balletttanz und opernhaften Gesang frisch und bunt daherkommt. Dazu lassen all die Fakten rund um die fabrikmäßige Zucht und Mast, um Geburt und Schlachtvorgänge das Kopf-Kino rotieren. Gleichgültigkeit und Brutalität statt Empathie für die Kreatur bestimmen die profitorientierten Abläufe.

 „Mein Fleisch“ ist anrührend und zynisch, traurig, absurd und verstörend. Einige banale Momente wirken etwas unausgegoren, einige der Figuren in ihren Beweggründen und Handlungen nicht so recht nachvollziehbar, während andere Szenen den Zuschauer stark berühren. Die Ernsthaftigkeit des Themas wird in der Inszenierung von Witz und einem großen Quantum an Trash durchbrochen.

Von Karola Hoffmann

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