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Mit frischem Mut in die Endlosschleife

Wortreiche Sprachlosigkeit Mit frischem Mut in die Endlosschleife

Ein Hund kam in die Küche und stahl dem Koch ein Ei …“ Mit holländischem Entertainer-Akzent singt Wladimir das Endloslied vom diebischen Hund, seinem Tod, seinem Grab, seinem Grabstein: „Worauf geschrieben stand: Ein Hund kam in die Küche …“

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Geben nie die Hoffnung auf: Estragon (Uwe Steinbruch, links) und Wladimir (Jürgen Wink).

Quelle: Klinger

Das alberne Liedchen soll komisch sein, ist aber eigentlich todtraurig. Doch Wladimir stutzt immer nur kurz, um nachzudenken – und hebt dann wieder mit Inbrunst von Neuem an. Denn genau so ist sein Leben: eine Endlosschleife, in die er sich mit seinem Freund Estragon Tag für Tag mit frischem Mut stürzt. Zurück auf Los. Und selig ist, wer vergisst.

Mit Simon Becketts „Warten auf Godot“ hat das Kasseler Staatstheater seine Schauspielsaison eröffnet. Intendant Thomas Bockelmann inszeniert den Klassiker des absurden Theaters im großen Haus und setzt dabei vor allem auf seine exzellenten Darsteller. Auf einer kargen und winterlichen Bühne spielen Jürgen Wink und Uwe Steinbruch die ungleichen Gefährten Wladimir und Estragon, die in ihrem traurig-komischen Warten auf den großen Unbekannten (der nie kommt) untrennbar vereint sind, mit großer Präsenz. Unter Wladimirs Schiebermütze steckt ein unerschütterlicher Optimist, agil und fast ein bisschen hibbelig.

Estragons Schlapphut dagegen bedeckt den Quadratschädel eines Berufspessimisten, mürrisch und müde. Mit Gesprächen, die Gefühle und Gedanken eher simulieren als ausdrücken, versuchen sie, sich über die Langeweile zu retten, und versinken wortreich in Sprachlosigkeit. Die Hoffnung aber geben beide nie auf. Denn das Hoffen und Warten, so aussichtslos es auch ist, gibt ihrem trostlosen Dasein Sinn. Und es unterscheidet sie von dem brutalen Machtmenschen Pozzo (Reinhart Firchow) und seinem willfährigen Sklaven Lucky (Thomas Sprekelsen), für die es nichts gibt jenseits von Herrschen und Beherrschtwerden.

Worauf Wladimir und Estragon hoffen und warten, wer oder was also Godot sein könnte – darüber hat sich Beckett stets ausgeschwiegen. Eine tatsächliche Person? Eine wie auch immer geartete Erlösung? Der Sinn des Lebens? Gott? Bockelmann macht nicht den Fehler, eine eindeutige Antwort zu geben. Zwar verrät er gewisse Sympathien für eine jüngere und sehr konkrete Deutung, nach der Wladimir und Estragon Juden im nazibesetzten Frankreich sein sollen, die auf ihren Fluchthelfer warten. So singt Wladimir für seinen Freund ein jiddisches Schlaflied, und die live gespielte Bühnenmusik des Saxophonisten Dirk Raulf soll an Bockelmanns Inszenierung von Joseph Roths „Hiob“ in der vergangenen Spielzeit erinnern (gerät hier allerdings eher zu so etwas wie Hintergrundgeräuschen). Konkreter aber wird’s nicht.

Wer einen neuen Blick auf einen Klassiker erwartet, muss für diese Aufführung also nicht nach Kassel reisen. Bockelmann bleibt, wie es seine Art ist, äußerst nah am Text. Doch das funktioniert bei „Warten auf Godot“ allemal besser, als es eine allzu gewollte Neu-Interpretation könnte. Die Inszenierung mag artig sein – anregend bleibt sie trotzdem. Und schauspielerisch ist sie ein Fest.

Nächste Aufführungen: am 9., 12., 13., 31. Oktober und am 5., 11., 19. November im Staatstheater Kassel, Friedrichsplatz. Kartentelefon: 05    61   /   10    94    222.

Von Joachim F. Tornau

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