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Monster mit menschlichem Gesicht

Göttinger Literaturherbst: Leon de Winters Roman "Geronimo" Monster mit menschlichem Gesicht

Was wäre wenn? Aus der utopischen Literatur ist die Frage nicht wegzudenken. Leon de Winter nutzt sie für einen ebenso fantasievollen wie sentimentalen Politthriller um das Ende von Osama bin Laden. Der Schriftsteller präsentiert das Buch beim Göttinger Literaturherbst.

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Schriftsteller mit viel Fantasie: der Niederländer Leon de Winter.         

Quelle: Theodoro da Silva

Zürich. So hatte der niederländische Bestseller-Autor das sicher nicht geplant. Aber die Debatten dieses Sommers über den islamistischen Terror dürften der deutschen Ausgabe seines jüngsten Romans zusätzlich Aufmerksamkeit verschaffen. Immerhin geht es in „Geronimo“ um den einstigen obersten Scheich der islamistischen Massenmörder: Osama bin Laden. Dass der längst tot ist, glauben wir zu wissen. Aber was wäre, wenn das Navy-Seal-Team den Gründer des Terrornetzwerks Al-Kaida bei dem Hubschrauber-Angriff auf dessen geheimes Anwesen im pakistanischen Abbottabad in Wirklichkeit gar nicht erschossen hätte?

Der Gedanke kam De Winter vor gut drei Jahren beim Mittagessen während eines Urlaubs in Sorrent. Möglicherweise hätten ihn seine Gastgeber auf die Idee gebracht, berichtete der niederländische Erfolgsautor in einem Interview. „Amerikaner, von denen der eine früher einer Sondereinsatztruppe angehört hatte und der andere für den Geheimdienst arbeitete.“

Nahtlos hat der Niederländer wieder einmal eine fiktiven Handlung mit Szenen des wirklichen Lebens zusammengestrickt. 2. Mai 2011, Abbottabad. Es läuft „Operation Neptune’s Spear“. Navy Seals dringen in das Haus des Terror-Scheichs ein. „Kill or capture“ (Töten oder gefangen nehmen) lautet ihr Auftrag. Bei De Winter jedoch steht von vornherein fest, dass die US-Elitesoldaten den geheimen Zusatzbefehl haben, „Geronimo“ – so das Codewort für Bin Laden – auf gar keinen Fall am Leben zu lassen. Erschießen und ab ins Meer.

Das finden die Navy Seals gar nicht gut. Bei einem Barbecue hecken sie einen Plan aus: Bin Laden müsse genau dort ordnungsgemäß zum Tode verurteilt werden, wo am 11. September 2001 der folgenschwerste Terrorakt verübt wurde: am Ground Zero.

Ein bisschen viel Fantasie? Nicht für de Winter. Dazu passt auch seine Hauptfigur: Tom ist ein Ex-Agent der CIA, ein Afghanistan-Veteran, der seine Tochter 2004 bei einem Terroranschlag verlor. Ein verbitterter Held. In dem afghanischen Mädchen Apana weckt Tom die Liebe zum klassischen Piano. Doch die Taliban hacken ihr dafür die Hände und Ohren ab. Und wer kümmert sich später rührend um die Verstümmelte? Allen ernstes: Onkelchen Osama. 

De Winter beschreibt Bin Laden als Mann, der sich am Leben mit seinen verschiedenen Frauen, am Eisessen sowie an nächtlichen Exkursionen bei frischer Luft erfreut - und gleichzeitig davon träumt, den Westen mit verheerenden Anschlägen zu erschüttern. „Er wird ein Monster mit menschlichem Gesicht, und ich dachte, genau das macht alles noch schlimmer: sich ihn als menschliches Wesen mit den Augen eines Romantikers und den Gedanken eines Massenmörders vorzustellen.“

Leon de Winter: Geronimo, Diogenes Verlag, 448 Seiten, 24 Euro.

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