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Motive von Tod, Wahnsinn und Angst

Bradburys „Kaleidoskop“ und Pink Floyd Motive von Tod, Wahnsinn und Angst

Die Absolutheit in Ray Bradburys Erzählung „Kaleidoskop“ ist kaum zu überbieten: Ein Raumschiff wird durch einen Kometeneinschlag zerstört und seine Insassen treiben, nur durch den Funkkontakt in ihren Raumanzügen verbunden, unweigerlich in die Endlosigkeit. Der Schweizer Schauspieler Daniel Rohr, der Göttingen bereits aus einem früheren, siebenjährigen Engagement am Deutschen Theater kennt, wählte dieses Szenario als Ausgangspunkt für eine außergewöhnliche Verbindung aus Schauspiel und Musik.

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Daniel Rohr (vorn): Gespür für Verbindungspotentiale zwischen zwei Kunstformen.

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen.  „To the dark Side of the Moon“wurde während des Innenhof-Theater-Festivals aufgeführt und, man möchte es gleich herausposaunen, begeisterte über alle Maßen.

Die literarische Vorlage, die von Rohr szenisch vorgetragen wurde, provozierte seine Zuhörer dabei konsequent, sich mit moralischen Fragen in Extremsituationen auseinanderzusetzen: Die strenge Hierarchie innerhalb der Besatzung, der Gehorsam und der Respekt seinen Kollegen gegenüber mögen in einem Raumschiff Gültigkeit haben.

Was aber geschieht mit diesen Regeln, wenn die Besatzung mit rasender Geschwindigkeit im Nichts auseinander driftet? Was geschieht, wenn zuvor unterdrückte Feindseligkeiten angesichts der Gleichheit vor dem Tode plötzlich ausgelebt werden können?
Bradburys Erzählung ist kein Science Fiction-Trash, sondern ein mutiges Gedankenspiel über die Frage, was noch zählt, wenn die Bande sozialer Gesellschaft zerrissen sind.

Rohrs Konzept, diesem Stoff Pink Floyds legendäres Album „Dark Side of the Moon“ anheim zu stellen, zeugt von einem Gespür für Verbindungspotentiale zwischen zwei oberflächlich bezugsfreien Kunstformen: Beide verarbeiten Motive von Tod, Wahnsinn und Angst, nichtsdestotrotz aber in unterschiedlichen Medien.

Das Lob, Musik und Sprache in so intimer Weise verquickt zu haben, gebührt auch, wenn nicht vor allem, dem Schweizer Komponisten Daniel Fueter, der das Konzeptalbum für Streichquartett und Klavier arrangierte. Dabei ist seine Version aber viel mehr als ein bloßes Arrangement: In mal mutigem, mal naiv melodiösem Satz arbeitet es zu jeder Zeit die facettenreiche Schönheit von Pink Floyds Musik heraus, ohne auf seinen eigenen Geist zu verzichten. Dieser besteht vor allem im kreativen Umgang mit unterschiedlichen Arten der Klangerzeugung, die vom präparierten Flügel über Percussion bis zum Kazoo reichen.

Das Galatea Quartett, das durch Eriko Kagawa präzise am Flügel ergänzt wurde, meisterte die ungewöhnlichen Herausforderungen der Partitur, ohne die Zartheit der Melodien zu vergessen: Ob nun ein am Boden liegender Kontrabass gezupft werden musste, oder ein Percussion-Riff von allen vier Musikern geschlagen wurde: Das Galatea Quartett präsentierte sich als organische und flexible Einheit.

All den genannten Qualitäten ist es geschuldet, dass sowohl Bradburys Erzählung als auch Pink Floyds Musik an diesem Abend förmlich transzendiert wurden und etwas Neues, Wunderbares entstehen konnte. Diese Leistung ist nicht hoch genug zu würdigen.

Von Jonas Rohde

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