Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Mozarts "Entführung" in Kassel

Opernpremiere Mozarts "Entführung" in Kassel

Mitteleuropa und die Türkei haben ein schwieriges Verhältnis. Das war auch schon früher so. Dass Mozart in seiner „Entführung aus dem Serail“ einen edlen Türken auf die Bühne stellt, ist nicht selbstverständlich. Am Sonnabend hatte das Singspiel seine erfolgreiche Premiere im Kasseler Opernhaus.

Voriger Artikel
Verliebter Mönch und schwebende Loreley
Nächster Artikel
Kindertheater: „Verstehen nicht verstehen“

Wollen fliehen: Lin Lin Fan (Blonde, links) und Johannes Preissinger (Pedrillo).

Quelle: Klinger

Kassel. Mozart erzählt mit seiner Musik eine heitere Geschichte mit berührenden tragischen Untertönen und versöhnlichem Ausgang. Regisseurin Adriana Altaras hat das mit nicht ganz so leichter Hand umgesetzt. Zwanghaft mutet ihr Versuch an, die Handlung mit ein paar modernen Accessoires zu aktualisieren.

Die Wachmannschaft des Harems ist mit Handys ausgerüstet, den Fluchtversuch der Liebenden vereiteln Wächter mit Maschinengewehren, und Bassa Selim zielt kurz vor dem Finale, vor Wut heulend, mit seiner Pistole auf Belmonte. All das wirkt nur aufgesetzt.

Termine

21. und 25. Juni sowie 8. und 14. Juli um 19.30 Uhr, am 2. Juli um 16 Uhr im Opernhaus Kassel am Friedrichsplatz. Kartentelefon 05 61 / 10 94-222.

Erfrischend lebendig wird diese „Entführung“ vor allem durch zwei Solisten: durch den stimmgewaltigen, zugleich stimmlich enorm beweglichen Bassisten Bjarni Thor Kristinsson als Osmin und Lin Lin Fan als Blonde. Osmin ist – neben dem Ochs im „Rosenkavalier“ – eine von Kristinssons Paraderollen. Den polternden Grimm, die eitle Dummheit, die hilflose Fassungslosigkeit gegenüber der emanzipierten Europäerin Blonde stellt der isländische Sänger mit viel Spielwitz und nuancenreichem Mienenspiel dar. Lin Lin Fan vereint perfekt feministisches Selbstbewusstsein mit katzenhafter Gewandtheit und müheloser stimmlicher Leichtigkeit auch in den höchsten Lagen. 

Dagegen wirkt Hulkar Sabirova als Konstanze darstellerisch etwas steif. Was keinesfalls für ihre Koloraturen gilt, die sie in der Arie „Martern aller Arten“ mit verblüffender Virtuosität vorführte, nachdem sie zuvor für die Spitzentöne in „Ach, ich liebte“ noch etwas zu viel Kraft aufwenden musste.

Tobias Hächlers hell timbrierter Tenor passt vorzüglich für die Partie des Belmonte. Weniger klangfarbliche Facetten zeigt Johannes Preissinger mit seiner dunkler getönten Stimme in der zweiten Tenor-Partie des Pedrillo. Ordentlich der von Marco Zeiser Celesti einstudierte Chor. Dirk Schäfer in der Rolle des Bassa Selim lässt zu oft die in ihm brodelnde Leidenschaft für Konstanze in körperliche Attacken ausbrechen: Hier wäre weniger mehr gewesen, ebenso wie im lautstarken Verzweiflungsausbruch vor dem Happy End.

Für all das hat Etienne Pluss ein praktisches Einheits-Bühnenbild mit einer kleinen handbetriebenen Drehbühne mit mehreren Kleinräumen entworfen, hier eine Wachstube im Stil des 21. Jahrhunderts, dort eine goldene Palasttür wie aus tausendundeiner Nacht. Dirigentin Anja Bihlmaier hat die Streicher erfolgreich auf federleichten Ton eingeschworen, dem Blech dürfte sie hier und da noch ein wenig mehr Präzision verordnen. Viel  Applaus.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Von Redakteur Michael Schäfer

Die Milchbar im Nörgelbuff