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Mühelos tänzelnd von Tragik zu Komik

Lesung Mühelos tänzelnd von Tragik zu Komik

Der Autor Régis Jauffret verzauberte seine Hörer im Göttinger Goethe-Institut mit einer Lesung aus seinem jüngsten Roman „Lacrimosa“, dessen Namensverwandtschaft mit dem Requiem in d-Moll von Wolfgang Amadeus Mozart kein Zufall ist. Genau wie die musikalische Gattung ist das in Form eines Briefwechsels gehaltene Werk ein Hymnus auf eine geliebte Person – doch Jauffret, der mit Büchern wie „Univers univers“ und „Microfictions“ große Erfolge feiern konnte, geht wie immer eigene Wege. 

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Im Park des Goethe-Instituts: Autor Régis Jauffret.

Quelle: Theodoro da Silva

Denn der Briefwechsel zwischen einem Schriftsteller und seiner Geliebten zeichnet sich durch eine Besonderheit aus, welche die Grenzen der Realität in dem Roman spielend zu verwischen weiß: Charlotte ist tot. Die junge Journalistin hat Selbstmord begangen, dem Schriftsteller bleiben nicht mehr als seine Erinnerungen an ihre Liebe, die er in diesem imaginären Briefwechsel zu materialisieren versucht und sie dabei doch beliebig umdichtet und erweitert. Die Realität scheint Wachs in den Händen Jauffrets zu sein, denn immer wieder muss sich der Leser fragen, was nun literarische Realität oder Fiktion ist, welchen Wert die Wirklichkeit für eine Liebe überhaupt hat. Der Autor beantwortet diese Frage frei nach Proust: „Leben heißt, sich zu erinnern.“ Diese Konzeption liegt auch „Lacrimosa“ zugrunde, so Jauffret.

Der 1955 in Marseille geborene Autor wird immer wieder als Romantiker bezeichnet, was aufgrund seines Fokus auf die Gefühle der menschlichen Psyche durchaus zutreffend ist. Dennoch ginge ein großer Teil Jauffrets verloren, würde man ihn auf das 18. Jahrhundert reduzieren. Denn gleichzeitig schöpft er die Mittel der modernen französischen Sprache völlig aus, tänzelt mühelos in wenigen Worten von Tragik zu Komik und schlägt mit hemmungsloser Sprache einen mühelosen Bogen zwischen Stabat mater und der Mutter Charlottes, die ihre Tochter nach ihrem Tod auffindet: „Wenn ihre Töchter sterben, werden die Mütter wieder dick bis zum Ende ihres Lebens. Ihr Bauch ist sehr viel schwerer als beim ersten Mal.” Dichter gewoben könnte Prosa kaum sein.

Macht der Sprache

Diese besonders gelungene Autorenlesung in französischer Sprache organisierte die Deutsch-Französische Gemeinschaft Göttingen in Zusammenarbeit mit der Niedersächsischen „Antenne culturelle“ im Rahmen der Ausstellung „Die Macht der Sprache im Bild“. Der perfekte Anlass, denn eindrucksvoller hätte man die Macht der Sprache auch kaum demonstrieren können.

                                                                                                                   Von Jonas Rohde

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