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Mumie aus Göttingen in Hildesheim zu sehen

Mumienausstellung Mumie aus Göttingen in Hildesheim zu sehen

Dass Anna Hallhuber ins Museum kommen würde, entschied sich ganz kurzfristig. Ein spontaner Entschluss. Die Museumsleute befanden erst vor wenigen Tagen, dass sie die gebürtige Österreicherin bei der Eröffnung ihrer neuen Ausstellung doch gerne dabei hätten. Und so reiste sie im ICE von Göttingen nach Hildesheim.

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Berührende Ausstellungsstücke: Die 26-jährige Terezia Borsodi wurde mit ihrem Kind in der Dominikanerkirche von Vac bestattet – jetzt sind beide in Hildesheim zu sehen.

Quelle: RPM

Hildesheim. Dort schaut sie jetzt aus ihrer Vitrine heraus, und die Besucher schauen in die Vitrine herein. Der Schädel der Hallhuberin, die um 1800 starb, ist eine Leihgabe der Uni Göttingen: Er stammt aus dem Beinhaus von Hallstatt, ist liebevoll mit Blumen bemalt und mit dem Namen der Verblichenen beschriftet. Frau Hallhuber hat damit eines der jüngeren Exponate zur Ausstellung „Mumien der Welt“ beigesteuert, die jetzt im Roemer- und Pelizaeus-Museum zu sehen ist.

Schon 2007 war in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen eine (damals heiß diskutierte) Mumienausstellung zu sehen. Die Hildesheimer haben diese Wanderausstellung übernommen, doch die Zahl der Exponate auf rund 200 verdoppelt – darunter 26 menschliche Mumien.

Zu sehen sind Moorleichen aus den Niederlanden ebenso wie eine peruanische Kindermumie mit deformiertem Schädel, Mumien aus Asien – und natürlich zahlreiche alte Ägypter. Es ist die bislang größte Mumienausstellung Deutschlands.
Die Schau ist eine ethische Gratwanderung: „Wir versuchen, die menschlichen Überreste so respektvoll wie möglich zu behandeln“, versichert Museumsdirektorin Regine Schulz, „doch nicht alles, was ausgestellt wird, muss jedem gefallen.“

Die Museumspädagogik des Hauses rät vorsorglich davon ab, Kinder alleine in die Ausstellung zu lassen. Aus gutem Grund, denn teils gleicht diese einem Gruselkabinett: Präparierte menschliche Embryonen stehen unweit einer Hauskatze, die das Glück hatte, auf einem trockenen Dachboden zu verenden und so auf natürliche Weise zur Mumie zu werden. Nackt ist ein mumifizierter Ägypter zu sehen. Mit erigiertem Penis. Dieser ist kulturgeschichtlich bedeutsam, erinnert er doch daran, dass der Mann in der Ewigkeit gern dem göttlichen Osiris gleichen wollte.

Besonders berührend sind Mumien aus dem ungarischen Vac: In der dortigen Dominikanerkirche wurde 1994 eine vergessene Gruft wiederentdeckt, in der man 263 erfreulich gut erhaltene Leichen fand. Unter diesen war auch Terezia Borsodi, die 1794 mit 26 Jahren starb – im Arm hält sie ihr Baby, das per Kaiserschnitt zur Welt kam, doch bald nach ihr starb.

Die Ausstellung will jedoch nicht Voyeurismus bedienen, sie hat wissenschaftlichen Anspruch: „Mumien sind sehr aussagekräftig“, sagt Oliver Gauert, einer der Kuratoren: „Selten lassen sich so viele Informationen aus einer einzigen Quelle gewinnen.“ Systematisch wurden die ausgestellten Leichname tomografisch untersucht, teils im Hildesheimer Bernward-Krankenhaus. Dabei kam heraus, dass einem etwa fünfjährigen Jungen in Ägypten schon um Christi Geburt ein fehlender Arm durch den Knochen eines Erwachsenen ersetzt wurde – es war der erste Fall postmortaler Prothetik dieser Art.

Die Toten aus dem ungarischen Vac könnten für viele Menschen noch zu Lebensrettern werden: Viele von ihnen starben an Tuberkulose. Das Genom des Erregers konnte ausgelesen werden. Derzeit wird an der Uni London untersucht, wie die Erreger sich seither verändert haben. Möglicherweise lässt sich so herausfinden, wie diese Resistenzen entwickeln. So schlagen Mumien und Forscher gemeinsam Brücken zwischen Kultur- und Naturwissenschaft.

Ein komplexes Nachleben hatten Mumien ohnehin: Im 19. Jahrhundert kauften reiche Europäer gerne ägyptische Mumien, um diese bei makabren Mumien-Partys auszuwickeln. Bis in die Zwanzigerjahre boten Apotheken in Deutschland als Allheilmittel „Mumia vera“ an, pulverisierte Mumien.

Die Ausstellung zeigt anhand von Filmen, Büchern und Gruselspielzeug, welch düstere Faszination von Mumien immer ausging: „Sie zwingen uns zur Auseinandersetzung mit unserer eigenen Sterblichkeit“, sagt Christine Fößmeier, die diesen Teil der Ausstellung gestaltet hat. So gesehen sind Mumien alles andere als trockene Materie.

Von Simon Benne

Zu sehen ist die Ausstellung im Roemer- und Pelizaeus-Museum bis zum 28. August. Infos: (0 51 02) 9 36 90.

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