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„Mut“: Uraufführung im Jungen Theater in Göttingen

Moralischer Kompass „Mut“: Uraufführung im Jungen Theater in Göttingen

Der Vorhang klemmt ein wenig, nach dem Kostümwechsel steht der Hosenstall noch offen, ein paar Worte werden verschluckt und einer der Schauspieler ist vielleicht ein bisschen zu alt, um einen pubertierenden Jungen zu spielen. Darüber lässt sich aber großzügig hinweg sehen.

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Es ist nicht leicht, mutig zu sein: Uwe (Nikolas Kühn), Timo (Ali Berber) und Max (Benedikt Kauff).

Quelle: Heise

Göttingen. Das zentrale Thema, so suggeriert es der Titel der zweiten Koproduktion zwischen dem Deutschen Theater und dem Jungen Theater, ist Mut. Ihren Mut beweisen wollen die drei Jungen Max (Benedikt Kauff), Uwe (Nikolaus Kühn) und Timo (Ali Berber). Deswegen haben sie einen Geheimbund gegründet, dessen Hauptziel es ist, gefährliche Aufgaben zu erfüllen. Krabbe, Uwes kleine Schwester, gespielt von Eva Schröder, ist ebenfalls auf der Suche nach Mut. Allerdings nicht für sich selbst, davon scheint sie genug zu haben, sondern für Max.

Zum Konflikt kommt es, als Krabbe in den Club aufgenommen werden soll. Max ist vehement dagegen, muss aber einlenken, als Krabbe ihn mit ihrer Cleverness überlistet. Um vollständiges Mitglied des Geheimbundes zu werden muss Krabbe eine Mutprobe gegen Max gewinnen und dabei kommt es zur Katastrophe.

Das Stück „Mut“ von Theo Fransz handelt, entgegen dem Eindruck, den man aus der Beschreibung gewinnen könnte, nicht vom Kampf eines Mädchens, in eine Jungenclique aufgenommen zu werden. Es ist keine Geschichte über den ewigen Kampf der Geschlechter, der bereits in der Kindheit beginnt. Und das ist gut so. Vielmehr ist „Mut“ eine Geschichte darüber, wie schwierig Kindheit und Adoleszenz sein können, wenn der Vater gewalttätig ist und seine Kinder aus erzieherischen Gründen in den Schrank sperrt. Es erzählt auch vom moralischen Kompass, der in diesem Alter nicht ausgereift ist, so dass es vielleicht schon einmal vorkommen kann, dass man Tiere quält. Es ist eben nicht leicht mutig zu sein, wenn man noch klein ist. Das Geschlecht spielt dabei im Grunde aber keine Rolle.

Das Stück selbst ist in einigen Teilen leider nicht ganz schlüssig. Ungeklärt bleibt, welche Funktionen die phantastische anmutenden Figuren Igor und Boss haben und auch der zeitliche Ablauf ist nicht immer konsistent. Über diese Ungereimtheiten täuscht die liebevolle und phantasieanregende, ja geradezu poetische Inszenierung großzügig hinweg. Mit Slow-Motion, Traumsequenzen und sich überlappenden Handlungsebenen vermittelt die szenische Umsetzung eine intensive Nähe zur emotionalen Handlung. Auch die Schauspieler überzeugen.

Das Stück ist ab zehn Jahren empfohlen und hat bei der Premiere gerade beim jüngeren Publikum Begeisterung ausgelöst. Etwas heftig sind die Gewaltdarstellungen, und auch inhaltlich ist das Stück, trotz seines entspannten und naiven Humors, keine leichte Kost. Es eignet sich dadurch aber auch gut für Erwachsene.

„Mut“ ist eine schöne Geschichte über Freundschaft und natürlich auch über Liebe, die ganz ohne pompöse Helden auskommt.

Von Serafia Johannson

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