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„Nagars Nacht“ vom Autorenteam Astrid Dehe und Achim Engstler

Schuld und Angst „Nagars Nacht“ vom Autorenteam Astrid Dehe und Achim Engstler

Shalom Nagar ist Gefängniswärter. Viermal drei Stunden sitzt er am Tag bei dem Häftling in der Zelle. Dann hat er 48 Stunden frei. In der Zelle brennt 24 Stunden das Licht. Durch ein Guckloch beobachtet ein anderer Wärter Nagar.

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Adolf Eichmann bei seinem Prozess in Jerusalem.

Quelle: reuters

Göttingen. Nagar ist einer der Gefängnisangestellten, die in den 1960er Jahren Adolf Eichmann bewachen. Dem ranghohen Nazi Eichmann, der für die Vertreibung und Deportation Millionen von Juden verantwortlich ist, wird in Israel der Prozess gemacht. Der israelische Geheimdienst hat ihn aus Argentinien entführt. Nagar sitzt nicht nur immer wieder in der Zelle mit Eichmann, er begleitet ihn teilweise auch zu dem Prozess. Und er ist es, der Eichmann nach dem Urteil am 31. Mai 1962 tötet. Der einzige Henker Israels. Nagar, der Jemenit, einziger nicht europäischer Jude unter den Wächtern. 

Nagars Nacht heißt der Roman des Autorenteams Astrid Dehe und Achim Engstler. Diesen Nagar gibt es tatsächlich. Die beiden Autoren aber haben mit vielen historischen Fakten eine fiktive Geschichte geschaffen. Sie lassen Nagar von seiner Geschichte mit Eichmann erzählen. Nagar kommt damit nicht klar, dass er es war, der Eichmann umgebracht hat. Eichmann verfolgt ihn. Er hat Angst. Eichmann war nicht Eichmann, ein Schauspieler, irgendwo ist dieser richtige Eichmann und verfolgt ihn, seinen Henker. Immer wieder muss er von Eichmann erzählen. Ben und Moshe hören ihm zu.

Aber nicht nur Nagar hat eine besondere Beziehung zu Eichmann, auch Moshe. Moshe erzählt nicht, er beginnt zu schreiben. Er nähert sich dem Thema anders, distanzierter. Im Buch deutlich gemacht durch eine andere Typografie.
Moshe heißt eigentlich Adolf Schneider. Sein Vater war Oberscharführer, Eichmann sein Vorgesetzter. Die Rassengesetze von 1935 machten aus Schneider plötzlich einen Juden, unter den Großeltern gab es drei Juden. Eichmann empfiehlt ihm, die Familie wieder „blutrein“ zu machen, eine deutsche Frau zu heiraten und Kinder zu zeugen, die wiederum Deutsche heiraten und so weiter. Adolf ist das erste Kind in dieser Reihe. Sein Vater erzählt ihm diese Geschichte. Nach dem Krieg fühlt sich Adolf hin und her gerissen. Gehört er zu den Juden, den Opfern, oder zu den Deutschen, den Tätern? Adolf entscheidet sich, geht nach Israel und wird Moshe.

Beide, Moshe und Nagar, wollen sich erinnern, wollen ihr Trauma überwinden. Der eine besteht darauf, alles beim Namen zu nennen, der andere braucht Distanz zu dem Schrecken.

Dehe und Engstler sind seit 2008 ein Autorenteam. Sie haben nicht nur in sehr lesenswerter Weise die Geschichte Eichmanns, seines Prozesses und seines merkwürdigen Verhältnisses zu seiner Schuld aufgearbeitet. Ihr Buch erzählt auch von Dingen, die uns immer wieder verfolgen. Von Schuld, Wehrlosigkeit und unschuldiger Schuld. Obwohl Moshe und Nagar nichts für Eichmanns Taten können, ist ihr Leben auf tragische Weise davon bestimmt. Dehe und Engstler arbeiten das überzeugend, beklemmend auf.

Astrid Dehe, Achim Engstler, Nagars Nacht. Steidl Verlag Göttingen 2014, 239 Seiten, 20 Euro.
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