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Kermani und die christliche Bilderwelt

Literaturherbst Kermani und die christliche Bilderwelt

Ungläubig staunend nähert sich Navid Kermani der christlich-abendländischen Bilderwelt, beschreibt sie feinfühlig, stellt theologische und kunsthistorische Bezüge her. 285 Göttinger folgen am Freitag im Alten Rathaus der Lesung des Publizisten und der lebhaften Diskussion mit Zeit-Redakteur Hanno Rauterberg.

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Lesung im Alten Rathaus Göttingen mit Navid Kermani. Rechts: Gesprächspartner und Kunsthistoriker Hanno Rauterberg (Die Zeit).

Quelle: HW

Göttingen. Seine Eltern stammen aus dem schiitischen Iran. Er hat sich als Orientalist habilitiert und schreibt als freier Schriftsteller für die großen deutschen Blätter. Die Bilderwelt des christlichen Abendlandes, so Kermani bei der Veranstaltung von Literaturherbst und Literarischem Zentrum, habe er erst spät entdeckt.

Abstoßend, irritierend aber fesselnd

Im Islam sei die darstellende Kunst verpönt. Seine Heimatstadt Siegen sei durch die christliche Bilderfeindlichkeit des Calvinismus geprägt. Und auch die Lehrer im SPD-regierten Nordrhein-Westfalen streiften das Thema im Unterricht nur.

Erst in seiner Wahlheimat Köln und während eines einjährigen Aufenthalts in Rom sah sich der 1967 geborene Autor mit den großen Kunstwerken Europas konfrontiert, erzählte er. Vieles irritiere ihn, ja stoße ihn sogar ab, schreibt er in seinem Buch „Ungläubiges Staunen“, aus dem er in Göttingen las. Doch zog ihn die Malerei in ihren Bann. Er sei nicht zu den Bildern gereist, stellte er auf Nachfrage Rauterbergs klar, eher habe er in Kirchen, Museen und in Sonderausstellungen Bilder entdeckt.

Frieden mithilfe der Kunst

Bei dem Werk von El Greco (1541-1614), das den Abschied Marias von Jesus vor der Kreuzigung zeigt, rätselte Kermani, warum Maria dort jünger aussieht als ihr Sohn. Die beiden wirkten eher wie ein Liebespaar, erklärte er. Vielleicht präge die christliche Mystik Grecos Bild, gab Rauterberg zu bedenken. Vielleicht zeige der Maler eine Vision der jungen Maria.

Ungläubiges Staunen

Navid Kermani: "Ungläubiges Staunen". Beck, 303 Seiten, 24,95 Euro

Michelangelo Merisi da Caravaggios Darstellung Abrahams, der auf Befehl Gottes den eigenen Sohn opfert, half Kermani, Frieden mit der verstörenden Geschichte zu machen. Caravaggio (1571-1610) stelle Abraham derart „beschränkt, tumb und unsympathisch“ dar, dass ihm dessen blinder Gehorsam verständlich werde, sagte Kermani.

Die Begeisterung des Publizisten für den Italiener amüsierte Rauterberg. Der frühbarocke Maler habe Freude an der Dramatik, ergötze sich an der Brutalität und sei deshalb wohl eher nicht zu den religiösen Menschen zu zählen.

Ein religiöses Erlebnis

Das sah Kermani anders. Ein religiöser Mensch müsse nicht unbedingt fromm sein, argumentierte er. Caravaggio habe sich intensiv mit religiösen Stoffen auseinandergesetzt. Oft hätten solche Menschen mehr Tiefgang als die Frommen.

Begeistert zeigte sich Kermani von Gerhard Richters 113 Quadratmeter großem Kirchenfenster im Kölner Dom. In seiner ganz auf die Wirkung von Farbe und Licht setzenden Gegenstandslosigkeit ermögliche es das religiöse Erlebnis, meinte der Schriftsteller.

Rauterberg dagegen referierte Kritiker. Richter werde vorgeworfen, sich um seine eigentliche Aufgabe herumgedrückt zu haben, nämlich zeitgenössische Heilige darzustellen. Stattdessen habe sich der Künstler in einem belanglosen Ästhetizismus verloren.

"Der Herbst im Frühling" : Das Programm am Sonnabend und Sonntag

Anja Tuckermann: „Alle da!“ ( 16. April, 16 Uhr, Literarisches Zentrum),

Heinz Bude: "Die Macht der Stimmungen" ( 16. April, 19 Uhr, Altes Rathaus),

Martin Walser: „Ein sterbender Mann“ ( 16. April, 21 Uhr, Altes Rathaus),

Dörte Hansen: "Altes Land und neue Ufer" ( 17. April, 11.15 Uhr, Deutsches Theater),

Thea Dorn: „Die Unglückseligen“ ( 17. April, 17 Uhr, Deutsches Theater),

Philipp Köster und Jens Kirschneck: „11 Freunde“ ( 17. April, 19 Uhr, Deutsches Theater).

  literaturherbst.com /  literarisches-zentrum-goettingen.de

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Lesung mit dem Schriftsteller Douwe Draaisma in der Paulinerkirche in Göttingen

Sie begleiten uns jede Nacht, aber nur selten erinnern wir uns an sie: Träume. Am Freitagabend sprach der Psychologe und Hochschuldozent Douwe Draaisma in der Reihe „Der Herbst im Frühling“ zum 25-jährigen Bestehen des Literaturherbstes in der Paulinerkirche über das „Träumen und Vergessen“.

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