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Neuer Roman des Schweizer Schriftstellers Silvio Blatter

„Lassen wir das so stehen“ Neuer Roman des Schweizer Schriftstellers Silvio Blatter

Was für eine Konstellation. Älteres Ehepaar, beide etwas über 60 Jahre alt. Sie erfolgreiche Radio-Moderatorin, er Bildhauer, der Sohn – natürlich – ein Coach für angehende Führungskräfte, die Tochter bemüht, ein schönes Familienleben aufrechtzuerhalten.

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Der Schriftsteller Silvio Blatter

Quelle: EF

Da wird gebruncht, ein neues, sündhaft teures Kleid gekauft, beeindruckt der Künstlervater die Seminarteilnehmer des Sohnes. Soweit so bourgeois, so klischeehaft. Diese schöne Fassade, so hofft man, bekommt bald Risse.

„Wir zählen unsere Tage nicht“ heißt der neue Roman des Schweizer Schriftstellers Silvio Blatter. Vor allem durch seine Freiamt-Trilogie wurde der Autor bekannt. Sie zeigt ein breit angelegtes Bild seiner Heimatregion, dem Aargauer Freiamt, und ihren Bewohnern. In seinem Buch widmet er sich dem Älterwerden.

Isa und Severin Lerch stehen vor Wendepunkten in ihrem Leben. Sie wird demnächst in Rente gehen, die Nachfolgerin für ihre Radiosendung steht schon bereit. Er ist in einer Schaffenskrise. Seine Holzskulpturen, die ihn berühmt gemacht haben – roh, kantig, mit der Kettensäge aus dem Holz geschält – sie interessieren ihn nicht mehr wirklich.

Immer wieder kreuzen sich die Wege der Familienmitglieder. Zum Personal der Geschichte gehören einige Nebenfiguren, von denen vor allem der Schwiegersohn und eine junge Freundin des Bildhauers Konturen gewinnen. Blatter hält zu all seinen Figuren die gleiche Distanz, lässt sie über sich und die anderen nachdenken. Mit der Zeit werden ihre Ecken, Kanten und Eigenheiten erkennbar.

Bei Severin etwa, dessen Refugium plötzlich bedroht wird. Seit Jahrzehnten steht sein Atelier in einem alten Steinbruch. Jetzt soll er ihn mit Paintball-Aktivisten teilen. Der Konflikt, der sich zuspitzt und handgreiflich, gar blutig endet, ist eine der starken Passagen der Geschichte. Die Starrköpfigkeit des Alten, dem die Rechtslage schnuppe ist. Der nicht einsehen will, weil es ihm nicht passt. Der zu viel riskiert. Hier spitzt Blatter einmal zu.

Interessant ist Blatters Ansatz, dass sich zum Ende hin die Alten, die Alt-68er noch einmal aufmachen und – jeder für sich wohlgemerkt – einen Neuanfang wagen. Die Kinder bleiben stecken in ihrem Sicherheitsbedürfnis, wofür Autor Blatter mehr Verständnis zu haben scheint als die Eltern der Romanfiguren. Blatter erzählt das in feiner Sprache, durchweg unterhaltsam.

Richtig  begeistern kann der Roman dennoch nicht. Es gelingt dem Autor selten, seine Grundkonstellation wirklich aufzureißen. Alles bleibt etwas zu glatt. Abgründe werden gern umschifft, selten ausgelotet. Isa Lerchs Satz „Lassen wir das so stehen“ mit dem sie ihre Moderationen beendet, könnte auch Blatters Motto sein.

Silvio Blatter „Wir zählen unsere Tage nicht“, Piper, 304 Seiten, 19,99 Euro.
Der Autor liest aus seinem Roman beim Göttinger Literaturherbst am Sonntag, 11. Oktober, um 19 Uhr in der Kunsthalle HGN, Duderstadt.

Von Christiane Böhm

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