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Olympischer Zauberwald

Wie der Cirque du Soleil ehemalige Hochleistungssportler zu Artisten umschult Olympischer Zauberwald

Noch sind sie angeleint. Die Artisten fliegen von der sogenannten russischen Schaukel in die Luft, Salti und Schrauben drehend, manche landen in einem riesigen Fangsegel, manche auf den Schultern eines Kollegen. Die Männer springen sich warm.

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Mit wilden Salti und Schrauben: Turner in der russischen Schaukel beim Cirque du Soleil.

Quelle: Cirque du Soleil

Berlin. Die Atmosphäre ist konzentriert, die Anweisungen des Trainers sind streng und präzise, die Bühnensprache in dieser Gruppe ist Russisch. Es sind alles ehemalige Profiturner aus Osteuropa, sie gelten als extrem diszipliniert und konzentriert. Das gefällt ihren Arbeitgebern vom Cirque du Soleil, die gerade mit dem Stück „Varekai“ durch Deutschland touren. Kurz bevor hier in der Berliner Mercedes-Benz-Arena die Lichter angehen, zeigt sich: Unterhaltung ist ein hartes Stück Arbeit. Sonnyboys sind die drahtigen Muskelpakete gerade nicht, alle blicken bei der Probe eher ein wenig finster drein, deshalb gehören auch Lächeln und positive Ausstrahlung zu den Trainingszielen.

„Wir waren das als Profisportler nicht gewohnt“, sagt Alya Ahmadova, die in einer anderen, bodennaheren Nummer als Meereskreatur dran ist. Die 30-Jährige hat bis 2010 ihr Land Aserbaidschan als Sportakrobatin bei Weltmeisterschaften vertreten. „Früher war es Training, Training, Training, dann Wettkampf. Es ging nur darum. Hier muss ich eine böse Rolle spielen und fünf Minuten später fröhlich sein. Egal, ob ich einen schlechten Tag habe.“ Sie sei jetzt eben eine Schauspielerin. Das zu kapieren, habe seine Zeit gebraucht. Und es habe sie verändert. „Ich bin jetzt endlich jemand, den ich mag.“

Die Hochleistungs-Sportakrobatik hat den Zirkus verändert, sie hat ihn rasanter gemacht. Der Cirque du Soleil hat sich dabei als Vorreiter in Position gebracht. „Entertainment hört nie auf. Es ist ein Schneeball“, sagt Michael Smith, „aber es muss sich verändern. Wenn wir nicht überraschen, dann machen wir unseren Job falsch. Und dann wird die Show zum Format. Das wollen wir nicht.“ Womit das Credo der Traumfabrik, für die er als Kreativdirektor arbeitet, ziemlich gut beschrieben wäre. Das kanadische Zirkusimperium ist geradewegs dazu verdammt, für das Genre neue Maßstäbe zu setzen – und dabei nicht am Zeitgeist vorbeizuturnen.

Im Kreativzentrum in Montreal belegt allein die Casting-Truppe für die mehr als ein Dutzend Shows zwei komplette Etagen. Eine Abteilung ist ausschließlich damit befasst, das Internet nach Trends in der Unterhaltungsindustrie zu durchsuchen. „Und wenn die was Spannendes finden, dann fliegen sie hin, gucken sich das an und prüfen, ob wir die Idee gebrauchen können, um unsere Version zu kreieren.“ Wo es hingeht? Es werde technischer, sagt Smith. „Es muss Technik sein. Technik verändert sich. Wir dürfen nur dabei die Emotionen nicht vergessen.“

Darum ist der weltweit tourende Sonnenzirkus auch im Stück „Varekai“ bemüht. Es erzählt eine Geschichte, die sich um das Ikarus-Motiv bewegt und einsetzt, als Ikarus nach hohem Flug tief gefallen ist – nicht ins Meer, sondern in den Zauberwald Varekai. Für diesen Forst mit seinen exotischen Kreaturen hat sich die Kostümabteilung schön austoben können. Aber auch die Bühnenkonstrukteure, Licht- und Sounddesigner. An dieser Stelle wird es technisch, trickreich und teuer. Im Zauberwald soll es schließlich am Ende so analog wie möglich aussehen, aber mit Illusionen kennen sie sich beim Cirque du Soleil ja aus.

Und so ist die Bühne voller Bodenklappen und Drehteller, inklusive einer Wendeltreppe, die bis hoch unters Dach der Großraumhallen führt, durch die die Produktion tourt. Einen Wald gibt es auch im hinteren Teil, aus 330 Stangen, von denen einige während der Show auch beklettert werden. Dahinter steht die Zirkusband, die die Illusionen akustisch verstärkt.

So betten Michael Smith und seine Mannschaft den traditionellen Zirkus in eine moderne, technisch basierte Kulisse. Und setzen nicht auf die langen Familientraditionen, die den Zirkusbetrieb einst prägten, sondern auf ein Netz von Hochleistungssportlern, die nach ihrer aktiven Karriere in der Showbranche weiterarbeiten können. „Wir haben eine Armee von Scouts“, sagt Smith, „und wir stehen in ständigem Kontakt mit den Turnverbänden in Russland oder der Ukraine.“ Das bedingt auch Rücksicht auf die turnerischen Vierjahreszyklen. Vor Olympischen Spielen ist kaum etwas zu holen für die Unterhaltungsbranche. „Aber direkt danach ist eine fantastische Zeit für uns“, sagt Smith und lacht. Sie werden im kommenden Jahr in Rio genau hinschauen. Und dann wieder durch die Welt fliegen und Talente suchen.

Vom 24. bis 28. Februar in der Tui-Arena. Karten gibt es in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt, oder unter gt-tickets.de.

Von Uwe Janssen

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