Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Otto von Bismarck: Biografien zum 200. Geburtstag und Lehmanns Vorlesung

Alte Legenden, neue Sichtweisen Otto von Bismarck: Biografien zum 200. Geburtstag und Lehmanns Vorlesung

Vor 125 Jahren, am 20. März 1890, war Schluss. Kaiser Wilhelm II. unterzeichnete die Entlassungsurkunde: Otto von Bismarck musste als Reichskanzler abdanken.  Nach fast 40 Jahren endete eine staatsmännische Karriere, die immer noch als beispiellos gilt – sowohl vom Standpunkt der Kritiker als auch der Anhänger.  An Lebenslauf und Lebenswerk von Bismarck, dessen 200. Geburtstag am 1. April sein wird, erinnern einige neue oder überarbeitete Bücher.

Voriger Artikel
Magier Thimon von Berlepsch lässt Publikum im Deutschen Theater Göttingen staunen
Nächster Artikel
Musikkabarettisten „Die Geschwister Pfister“ im Deutschen Theater Göttingen

Zählt zu den großen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts: Otto von Bismarck.

Quelle: epd

Göttingen. Unerhört fanden viele Kollegen und Zeitgenossen, was der Göttinger Historiker Max Lehmann (1845-1929) in seiner Bismarck-Vorlesung bis 1921 zu Gehör brachte.

Der Professor für Mittlere und Neuere Geschichte räumte gründlich auf mit den Legenden um die Kriege und Annexionen Preußens und die Reichsgründung. Was Lehmann mitteilt, war nicht anfechtbar. Sein Wissen basierte auf seiner Tätigkeit im Preußischen Staatsarchiv: Dort hatte er Zugang zu allen, auch den geheimen Dokumenten um den Kanzler. Lehmanns  1949 veröffentlichte Vorlesung ist, um neuere Forschungsergebnisse ergänzt, neu erschienen.

Mit dem Heer oder mit Polzeigewalt

Schon Lehmann machte klar, dass es  der Machtanspruch und Militarismus Preußens war, der eine Reichsgründung gemeinsam mit Österreich um jeden Preis verhinderte. Das war die Saat für die beiden Weltkriege, die Millionen von Menschen das Leben kostete. Auch das Bismarck zugesprochene diplomatische Geschick, ist danach pure Legende: 

Was er für Preußen nicht durch Drohungen erzwingen konnte, schaffte er mit dem Heer oder mit Polzeigewalt. Verfassungsrechte und territorialen Rechte galten ihm so wenig wie Pressefreiheit, Wahlrecht und auch die Rechte anderer Staaten, wenn sie Preußen nicht passten. Ein außergewöhnlich spannendes Buch, das die glorifizierenden Legenden um Bismarck entlarvt.

Als Bismarck-Biograf hat 1985 Ernst Engelberg in der BRD und der DDR von sich reden gemacht. Dass sein Werk zeitgleich in Ost- und Westdeutschland erschien, war ein politisch-publizistisches Ereignis. Der Historiker hatte 20 Jahre recherchiert und sah seine Arbeit anfangs angelegt als deutlichen Widerspruch zu den Thesen in „Die deutsche Frage“ von 1945 des Ökonomen und Soziologen Wilhelm Röpke.

Zweibändiger Klassiker

So ging es anfangs nur um die Folgen der Reichsgründung von 1870. Engelberg (1909-2010) hat dann einen zweibändigen Klassiker geschaffen. Sein  Sohn Achim Engelberg hat das Werk zum 200. Bismarck-Geburtstag überarbeitet.  Engelbergs Bismarck-Biografie ist auch der fundierte Blick auf ein Jahrhundert, das Europa politisch und gesellschaftlich verändert hat.

Dass Bismarck in der Familie Engelberg eine wichtige Rolle gespielt haben muss, belegt zudem das Buch „Das private Leben der Bismarcks“ von Waltraut Engelberg, die Bismarcks Leben als Sohn, Ehemann und Familienvater beleuchtet und damit vor allem die Rolle seiner Ehefrau Johanna, geborene von Puttkamer, einordnet.

Studium der Rechts- und Staatswissenschaften

Vom Umfang weniger herausfordernd  ist der Band „Otto von Bismarck. Aufbruch in die Moderne“ – mit 25 fundierten, knappen Kapiteln und vielen Abbildungen sehr empfehlenswert für Leser mit wenig Zeit. Der großformatige Band bringt den Reichsgründer und einstigen Göttinger Studenten, 1832 begann er Rechts- und Staatswissenschaften zu studieren und absolvierte hier mehr Fechtpartien als Vorlesungen,  der in Bonn das Examen ablegte, ebenso näher wie seine Epoche.

Die Historiker Michael Epkenhans, Ulrich Lappenküper und Andreas von Seggern  sehen in Bismarck einen weißen Revolutionär. Sie meinen, seine Politik sei für das 20. Jahrhundert ein solides Fundament gewesen, das zerstört wurde, weil Bismarcks Leitsatz von Maß und Mäßigung in der Außenpolitik nichts mehr galt.

Max Lehmann: „Bismarck. Eine Charakteristik.“ Hrsg. von Gertrud Lehmann mit Beiträgen von Gerd Fesser und Helmut Donat. Donat, 352 Seiten, 16,80 Euro.
Michael Epkenhans, Ulrich Lappenküper, Andreas von Seggern: „Otto von Bismarck. Aufbruch in die Moderne“. Bucher, 164 Seiten, Abbildungen, 29,99 Euro.
Waltraut Engelberg: „Das private Leben der Bismarcks“. Pantheon, 240 Seiten, 14,99 Euro.
Ernst Engelberg: „Bismarck. Sturm über Europa“. Siedler, 752 Seiten, 39,99 Euro.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff