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Palmetshofer gewinnt Dramatiker-Preis

Mülheimer Theatertreffen Palmetshofer gewinnt Dramatiker-Preis

Gegen 22 Uhr hat sich die Jury in der Stadthalle auf dem Podium versammelt. Zwei Journalistinnen, eine Schauspielerin und zwei Theatermacher - darunter Michael Börgerding, vor Jahren Dramaturg am Jungen Theater Göttingen -, entschieden am Donnerstag in Mülheim an der Ruhr über den Dramatikerpreis 2015.

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Dramatiker des Jahres 2015: Ewald Palmetshofer.

Quelle: Krüger-Lenz

Mülheim. Sieben Produktionen kamen in die Endauswahl gekommen, darunter "Homo Empathicus", das Rebekka Kricheldorf im vergangenen Jahr als Auftragsarbeit für das DT geschrieben hat. DT-Intendant Erich Sidler inszenierte die Uraufführung zum Start seiner ersten Spielzeit. Das Besondere des Stücks: Alle 26 DT-Schauspieler, 13 neu engagierte und 13 aus dem alten Stamm, spielen mit. Doch am Ende gewinnt der Österreicher Ewald Palmetshofer mit seinem Stück "die unverheiratete". Das war in Stadthalle Mülheim unmittelbar vor der Jurysitzung vom Ensemble des Burgtheaters im Akademietheater Wien präsentiert worden.

 

Die erste Juryrunde gilt der Kurzvorstellung der Stücke, in der zweiten wird es ernst. Jeder Juror soll drei Stücke nennen, die nicht gewinnen sollen. Schnell wird klar: Kricheldorf hat an diesem Abend keine Chance. Sie steht bei keinem der Juroren ernsthaft auf dem Zettel. Vor allem Börgerding, Generalintendant des Theaters Bremen, wird deutlich. Er halte "Homo Empathicus" für geradezu reaktionär. Schauspielerin Bettina Stucky erklärt, sie habe das Stück in Göttingen gesehen. Für sie sei es es in dieser intellektuellen Stadt, in der alle "fürchterlich pc" seien, also politisch überkorrekt, für eine gute Wahl. Die Pointe mit dem Theater im Theater hält sie für nicht gelungen. Und Koall, Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden, spricht dem Stück das Dramatische ab, für ihn "ein großer Mangel". Die Besucher sahen das im Verlauf der Mülheimer Theatertage nicht ganz so streng. Sie wählten "Homo Empathicus" auf Platz Drei. Den Publikumspreis gewannen Yael Ronen&Ensemble mit "Common Ground".

 

Die Entscheidung fällt schließlich um 23.43 Uhr. Die Jury bestimmt sehr einmütig und ohne große Debatte für Palmetshofer. Der Österreicher sitzt mit seinem Theaterteam derweil im Restaurant im Keller der Stadthalle. Eine sms bringt ihn schließlich in den Saal der Entscheidung, wo er sehr entspannt die Glückwünsche entgegen nimmt.

 

Im Folgenden finden Sie die Live-Berichterstattung des Tageblatts von der Jurysitzung zum Nachlesen:

20.45 Uhr:Die letzte Vorstellung des Wettbewerbs ist jetzt beendet - "die unverheiratete" von Ewald Palmetshofer. Viele Zuschauer haben sich zum Publikumsgespräch versammelt, die Schauspielerinnen kommen nach und nach auf die Bühne. Radiomoderator Michael Laages beginnt das Gespräch.

21.45 Uhr: Ensemble, Autor und Chefdramaturg des Burgtheaters im Akademietheater in Wien haben jetzt das Podium geräumt. Gläser klirren, Stühle werden gerückt. Immerhin die Namesschilder der Jurymitglieder stehen schon. Entscheiden werden: Bettina Stucky, Robert Koall, Karin Fischer, Michael Börgerding, vor Jahren Dramaturg am Jungen Theater Göttingen, und Dagmar Walser. Die Moderation übernimmt wieder Michael Laages.

22.15 Uhr: Als goldenen Jahrgang der Gegenwartsdramatik bezeichnet Walser den Wettbewerb. Knapp 100 Stücke standen ursprünglich zur Auswahl, sieben schafften es in den Wettbewerb. Was folgt: Die Juroren stellen in Kurzform nocheinmal die Wettbewerbsstücke vor.

Zu entscheiden gilt es über "Homo Empathicus" von Rebekka Kricheldorf, uraufgeführt im Deutschen Theater Göttingen, "Die lächerliche Finsternis" von Wolfgang Lodz, "Wunsch und Wunder" von Felicia Zeller,  "Die Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek, "Common Ground" von Yael Ronen & Ensemble, "Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute" von Dirk Laucke und eben "die unverheiratete" von Palmetshofer.

22.30 Uhr: Als nächstes steht die Runde des Grauens an. Jeder Juror muss drei Stücke nennen, die auf keinen Fall gewinnen sollen.

Fischer startet: Sie hält 2015 für einen der politischsten Jahrgänge, die sie bislang erlebt hat. Ihre Vorgabe: "Ich möchte mehr sehen als das Phänomen". Ihre Wahl des Schreckens: Kricheldorfs "Homo Empathicus", eine schöne Miniatur, aber es ist nicht "1984" und nicht "Schöne neue Welt". Auch Laucke soll ausscheiden. Ihre dritte Negativ-Wahl: Jelinek. 

22.35 Uhr: Börgerding ist der nächste: Seine erste Entscheidung: Kricheldorf. Er hält den Text für geradezu reaktionär. Auch Laucke will er nicht gewinnen sehen. Seine dritte Wahl: Zeller.

22.39 Uhr: Walser, die schon in der ersten Jury mitverantwortlich war für die Wettbewerbsstücke, lässt ausscheiden: Zeller, Kricheldorf und Palmetshofer.

22.42 Uhr: Koall ist dran: sein Votum: Zeller, Kricheldorf, ein Text, "der sich dem Dramatischen enthält, ein großer Mangel". "Nörgeln auf sehr hohem Niveau" ist für Koall seine Wahl Lauckes, der ausscheiden soll.

22.45 Uhr: Stucky entscheidet sich gegen "Wunsch und Wunder" von Zeller, gegen "Homo Empathicus" von Kricheldorf. "Ich habe es in Göttingen gesehen und finde es als Auftragsarbeit für Göttingen völlig ok", sagt Stucky. Die Menschen dort seien sehr intellektuell und fürchterlich pc. Kricheldorfs "Pointe fand ich ganz schwierig", sagt Stucky. Auch Laucke steht auf ihrer Liste und ist damit raus. 

22.50 Uhr: Die Runde der übriggeblieben vier Autoren und ihren Stücken startet.

22.52 Uhr: Die Positiv-Werbung steht an. Als erster wirbt Börgerding, Stück für Stück - als erstes "Die Schutzbefohlenen" von Jelinek. Für Boergerding ein Stück das im Jelinek-Werk heraussticht. Als "ungewöhnlich" schätzt er es ein. Er habe "viel Kraft, die aus ihrer Wut kommt." Eigentlich könne eine Nobelpreisträgerin nicht über ertrinkende Bootsflüchtlinge schreiben, sagt Boergerding - "aber einer muss es ja tun".

22.58 Uhr: Jelinek habe das einzig mögliche Mittel gewählt, sagt Koall und bekennt: Eigentlich seien die vier verbliebenen Stücke nicht vergleichbar. Dennoch: Ähnlichkeiten findet er zwischen Jelinek und Lodz. Bei beiden gehe es um "unsere Verunsicherung".

23.02 Uhr: Walser spricht für Lodz, der sehr kraftvolle Geschichten und starke Bilder finde.

23.10 Uhr: Die Juroren werfen argumentative Bälle hin und her. Sie loben, derzeit vor allem das Stück von Lodz.

23.11 Uhr: Die erste Jurorin hat sich festgelegt, wenn auch erst in einem Nebensatz: Ihr Lieblingsstück ist "Common Ground" von Yael Ronen & Ensemble.

23.13 Uhr: Er sei begeistert von Palmetshofers "die unverheratete", ein starker Text, sprachlich und vollkommen unmodisch, sagt Koall. Ein Plädoyer sei das allerdings noch nicht.

23.15 Uhr: Am meisten berührt habe ihn "Commen Ground", sagt Börgerding.

23.17 Uhr: Beeindruckt sei er auch von der Intelligenz von Palmetshofers "die unverheiratete", erklärt Börgerding. Das erste Stück von ihm, das richtig geerdet sei, allerdings "etwas übermöbliert", ein Begriff, den er an diesem Abend zum ersten Mal im Zusammenhang mit Theater gehört habe.

23.20 Uhr: eine kurze Debatte über den Fortgang. Die Entscheidung: ein viertes Stück soll rausgewählt werden.

23.12 Uhr: Börgerding will "Commen Ground" aus der Diskussion nehmen. Fischer spricht für das Stück - und für "die unverheiratete". Die sollen drin bleiben. Koall könnte auf Jelinek verzichten. Walser spricht sich positiv für Lodz und Yael Ronen aus. Stucky hält Lodz für zu hermetisch. Jelinek findet sie "toll, aber ich beuge mich dem Votum." Damit ist auch Elfriede Jelinek ausgeschieden.

23.26 Uhr: Koall beginnt mit den Plädoyers. Er listet die Qualitäten der verbliebenen drei Werke auf - und plädiert schließlich für "den großen Wurf" "die unverheiratete" von Palmetshofer.

23.29 Uhr: Lodz verstöre sie nicht genug, sagt Stucky, "Common Ground" sei "eine Herzensangelegenheit" und plädiert schließlich für "die unverheiratete".

23.31 Uhr: Fischer ist dran. Ihre Entscheidung: Yael Ronen. Doch auch sie empfand "die unverheiratete" als sehr intensiv.

23.32 Uhr: Börgerdings Favoritin Jelinek ist schon ausgeschieden, verrät er an dieser Stelle, also entscheidet er sich für seine zweite Wahl: "die unverheiratete" - die Entscheidung. Fischer erinnert noch einmal an Lodz, gönnt es aber auch Ewald Palmetshofer.

23.34 Uhr: Die Entscheidung ist gefallen: "die unverheiratete" von Ewald Palmetshofer ist das Stück des Jahres 2015.

Den Publikumspreis gewinnt Yael Ronan & Ensemble mit "Commen Ground". Platz Drei geht an Rebekka Kricheldorf und ihr "Homo Empathicus".

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