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Penthesilea – der tödliche Kampf um die Liebe

Kleist-Tragödie am Deutschen Theater Penthesilea – der tödliche Kampf um die Liebe

Ach, Kleist. Im November nahm er sich das Leben: verzweifelt und mittellos erschoss sich Heinrich von Kleist im Alter von 34 Jahren am Wannsee. Vor 200 Jahren war das – nun ist ein Kleist-Jahr fällig.

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Der Kampf geht weiter: Prothoe, Achill, Penthesilea und Odysseus (Johanna Diekmeyer, Meinolf Steiner, Eve Kolb und Benjamin Berger, von links) auf dem Schlachtfeld mit Rosenblättern und verstümmelten Barbie-Leichen.

Quelle: Sowa

Neue Biographien über den tragischen Dramatiker, dem zu Lebzeiten der Erfolg mit seinen neuen Sichtweisen und Ansprüchen verwehrt blieb, sind erschienen, und in diesem Jahr lassen die Theater Kleists Werke erst recht nicht links liegen. Am Deutschen Theater (DT) Göttingen machte sich mit Regisseur Wojtek Klemm ein Kleist-Kenner an „Penthesilea“ heran – mit viel Rambazamba.

Das Geräusch stört. Was sagen Griechenlands Könige? Was treibt Achill an, der weiter, weiter fordert? Im Krieg vor Trojas Mauern ist alles nach den bekannten Regeln aufgestellt, bis die Amazonen die Reihen durchbrechen und sich nicht verbünden, sondern nur das Ziel haben, Jünglinge gefangen zu nehmen, um ihren Frauenstaat zu erhalten. Kampfgetümmel, Geschrei und Lärm, auch vor Trojas Mauern tobte kein leiser Krieg. Die Lautsprecher-Geräusche unterstreichen das mit Surren, Sirren oder lauter Musik.

Regisseur Klemm lässt das kriegerische Spiel von Penthesilea (Eve Kolb) und Achill (Meinolf Steiner) um die Liebe mit voller Wucht über die Bühne gehen. Krieg ist keine stille Angelegenheit: Laute Hardrock-Klänge, wüste Kämpfe, brutale Schändungen. Die Männer (Benjamin Berger und Paul Enke) in schwarzen Protektoren-Uniformen und bequemen Stiefeln. Die Frauen (Johanna Diekmeyer und Paula Hans) mit haarigen Accessoires, vielleicht Skalps von Kriegern, und auf High-Heels mit Absätzen wie Waffen – spitz und mindestens zehn Zentimeter hoch – kämpfen sie behände.
Düstere Mauern und Uniformen hat Mascha Mazur fürs Bühnenbild gewählt. Sie betont bunt die Individualität der Frauen, die männergleich das Kriegshandwerk beherrschen. Über allem prangt spiegelverkehrt der Schriftzug Giganten, dahinter eine Projektion, die den Blick ins feindliche Lager ermöglicht. Überwachung mit Datum und Uhrzeit.

Kleist war zu seiner Zeit extrem in seiner Darstellung. Es brauchte Zeit, seine Botschaft zu schätzen. Dieses Extrem, scheint es, will Klemm ebenso betonen wie die Aktualität das antiken Stoffs. Was interessiert in heutigen Kriegszeiten noch, wo die Sonne steht? Wenig Einfluss hat das aufs Kriegsgeschehen, wenn immer weniger Soldaten nötig sind, um Menschen zu töten, Landstriche zu verwüsten. Ein Knopfdruck, und die Welt ist nicht mehr. Was aber immer noch die Kämpfer beschäftigt, solange sie nicht zu gefühllosen Maschinen manipuliert worden sind, ist ihr Handeln, ihre Bedrängnis. Und plötzlich geht es nicht um Phalanx, Pfeile und Lanzen, sondern Klemm lässt König Ulysses (Paul Enke) erzählen von Granaten und Minen – und dem Hunger nach frischem Fleisch. Enke rezitiert angstvoll einen Text von Mathias Énard. Der Franzose hat sich mit seiner Erzählung „Zone“ der Illias und dem heutigen Kriegswesen genähert.
So beweist diese „Penthesilea“ Zeitlosigkeit. Klemm hält sich nicht an Kleist fest, gibt dessen Text aber genug Raum. Achill, kraftvoll und ebenso verliebt unbeholfen stellt ihn Meinolf Steiner dar, geht auch mal ab und sagt „und tschüss“. Und Paula Hans als energische Meroe schimpft über Rambazamba und erkennt, „ihr habt sie doch nicht mehr alle“.
Meroes Urteil ist für den Kriegswahn zu schlicht. Es gelingt Penthesilea nicht, noch weniger als Achill, sich auf Liebe einzustellen. Sie will, noch mehr als er, siegen, beherrschen, nichts vergeben. Im Kampf der Geschlechter ist Eve Kolb als Penthesilea eine starke Königin, gnadenlose Kriegerin und mädchenhaft Verliebte, die ihren Verrat preisgibt, aber nicht die Waffen niederstreckt. Sie tötet die Liebe.

Das Trauerspiel verlangt dem Zuschauer einiges ab. Und, die Uhr im Hintergrund gibt es preis, manche fünf Minuten erscheinen wie 15. Dabei liegt es nicht an dem Kleist-Text, der ist gut gestrafft. Es sind vielmehr die Kampf- und Belagerungsszenen, die auszuhalten sind. Wie Achill wünscht man sich „weiter“. Und dennoch, Klemms kämpferische Inszenierung gibt viel mit auf den Weg gibt, weil sie aggressiv polarisiert. Vom Publikum mit Buh- und Bravorufen bedacht.

Nächste Vorstellungen am 7., 14., 21. und 29. April um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69-11.

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