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„Pizzamann“ - Geschlechterkampf im Deutschen Theater Göttingen

Die Hölle in der Single-Höhle „Pizzamann“ - Geschlechterkampf im Deutschen Theater Göttingen

Das Telefon als einzige Verbindung zur feindlichen Außenwelt, die Wohnung als Festung und der Alkohol als Rüstung. Julie (Katharina Uhland) hat gerade wieder einen ihrer ungeliebten Jobs verloren, weil sie sich nicht mit ihrem Chef einlassen wollte. Jetzt will sie einfach nur allein ihren Frust ertränken, als ihre neurotische Mitbewohnerin  Alice (Rahel Weiss) nach Hause kommt.  Nun wird viel geschrien, während erst einmal ein Teppich aus Klischees ausgerollt wird. Zwei Single-Frauen um die 30 verleben in  „Pizzamann“, das am Mittwochabend auf der Kellerbühne des Deutschen Theaters (DT) Premiere feierte, den Beginn eines deprimierenden Freitagabends.

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Feuer unterm Dach: Alice (Rahel Weiss) knöpft sich den Pizzamann Eddie (Moritz Schulze) vor, Julie (Katharina Uhland) feuert sie an.

Quelle: Säckl

Göttingen. Alice ist wieder einmal von einem Mann verlassen worden, dem sie doch alles gegeben hatte, und der nun wieder bei seiner Ehefrau hockt. Jetzt möchte sie am liebsten fressen vor lauter Unglück. Und eigentlich wollten die beiden so verschiedenen Mitbewohnerinnen als Kinder doch nur eins werden: „Sängerin, Ehefrau und Mutter“. Während die beiden Deprimierten ihren Frust aneinander vorbei schreien und lebenswichtige Tipps austauschen wie: „einem Mann in einem Hugo-Boss-Anzug darf man niemals trauen“, verwerfen sie Alice grandiose Lösung, sich von den Männern unabhängig zu machen, indem sie lesbisch werden.

Viel Lärm um nichts? Nein, denn in dem preisgekrönten Stück von Darlene Craviotto geht es nur oberflächlich um typische Frauenprobleme. Im Fokus stehen Menschen in den 30ern,  deren Träume geplatzt sind, denen als Klassensprecher, Vorsitzende des Bücherclubs  oder bester Sportler der Schule doch einst die große Zukunft blühte, oder etwa nicht? „Auf der Highschool war jeder mal ganz toll“, bringt es Pizzamann Eddie (Moritz Schulze) auf den wunden Punkt, der in der Hoffnung auf ein erotisches Abenteuer die Single-Hölle der beiden Frauen betritt.

Was passiert aber, wenn man sich wie Julie immer an die Regeln gehalten hat und am Ende mit leeren Händen da steht, ohne ein Gegenüber, dass sich ernstlich mit einem befasst, an dem man sich abarbeiten kann? Als Mann würde man in einer so verzweifelten Lage einfach an eine Bar gehen, sich betrinken und dann eine Frau vergewaltigen, befindet Julie.

Ein verzweifelter und auswegloser Versuch, über irgendetwas Macht zu haben, ist die Triebfeder für diese Idee, die man im Stück dramaturgisch besser hätte einbetten können. Obwohl in der Inszenierung von DT-Intendant Erich Sidler die Plattitüden und Rollenklischees wuchern, der Abgrund Richtung Belanglosigkeit immer nah scheint, gelingt ihm ein aberwitziger, bitterböser, temporeicher Geschlechterkampf, in dem die Pointen sitzen. Das Publikum amüsierte sich königlich, vor allem über die fabelhaft spielende Rahel Weiss als hysterische Unschuld im Blümchenkleid, die am liebsten glücklich mit einem Arzt liiert wäre.

Weitere Vorstellungen: 20. und 30. Januar sowie am 1., 11. und 23. Februar im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Karten gibt es unter Telefon 05 51 / 49 69 11.

Von Marie Varela

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