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Podiumsdiskussion von CDU und FDP zur geplanten Schulnovelle

„Massiver Angriff auf Schulvielfalt“ Podiumsdiskussion von CDU und FDP zur geplanten Schulnovelle

„Was bringt die Reform des niedersächsischen Schulgesetzes?“ Diese Frage wollten CDU und FDP aus Stadt und Kreis bei ihrer Podiumsdiskussion am Dienstagabend im Neuen Rathaus klären.

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Debatte im Neuen Rathaus.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Im Ergebnis mussten die gut 50 Zuhörer und noch einmal so vielen Politiker beider Parteien zur Kenntnis nehmen: nichts Gutes. Bildungspolitiker beider Parteien und auch die Praktiker auf dem Podium kritisierten die Reformpläne fast ausnahmslos.

Als „massiven Angriff auf die Schulvielfalt“, sieht der bildungspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Björn Försterling, das Reformwerk. Es eröffne lediglich die Möglichkeit, Schulen zu schließen, um weitere Gesamtschulen zu realisieren, wodurch es künftig keine Wahlmöglichkeiten mehr für die Eltern gebe.

Wolfgang Schimpf, Leiter des Max-Planck-Gymnasiums und Vorsitzender der Direktorenvereinigung, sagt es sogar so: Die Novelle sei zwar erforderlich zur Wiedereinführung von G9, also des neunjährigen Gymnasiums, sie sei aber „Teil einer Strategie, die am Ende die Gemeinschaftsschule bis Klasse zehn will“. Das neue Schulgesetz sei die „entscheidende Weichenstellung“ zur Einschränkung des gegliederten Schulsystems. Schimpf räumte immerhin ein: Als Sprachrohr von 270 Schulleitern niedersächsischer Gymnasien sei er „also ein Lobbyist“.

"Bildung von Eliten"

Thomas Häntsch, CDU-Ratsherr, früher Leiter des Felix-Klein-Gymnasiums und eigentlich zusammen mit Sigrid Jacobi Moderator der Diskussion, ergänzte: Das Gesetz spiegele zwar eine Bestandsgarantie für Gymnasien vor, zugleich werde aber die Gymnasiallehrerausbildung abgeschafft. Und „wer keine Gymnasiallehrer mehr ausbildet, höhlt das Gymnasium von innen aus“, ergänzte Alexandra Seebode, Schülervertreterin des Eichsfeld-Gymnasiums Duderstadt.

Einzig Jens Haepe, Leiter der sehr erfolgreichen Oberschule in Groß Schneen, begrüßte, dass nicht nur die von CDU und FDP eingeführten Oberschulen weitergeführt werden dürfen, sondern er sehe auch keine Gefahr für die Gymnasien. Deren Zahl sei konstant, und die Reform führe „vielleicht künftig zur bewussten Wahl des Gymnasiums“. Haepe weiter: „Die Gymnasien können sich dann wieder auf die Bildung von Eliten konzentrieren.“

Diese Äußerung ärgerte Bernd Schwiedernoch, Mitglied im Göttinger Stadtelternrat. Gymnasien auf die Ausbildung von Eliten zu redzuieren, sei „unprofessionell“. Auch Schwiedernoch gehört zu den Kritikern der Reform. In einem Brief an die Kultusministerin hätten Eltern Kritik in vielen Punkten geäußert. Sie seien „extrem dagegen, dass Gesamtschulen zu Ersatzschulen werden“.

„Realschulen systematisch kaputtgemacht“

Es könne nämlich Folge der Reform sein, dass Gymnasien und andere Schulen schließen, um neue Gesamtschulen schaffen zu können. Diese Sorge teilt auch FDP-Mann Försterling. Schulträgern werde mehr Macht verliehen, und diese entschieden sich dann wie in seinem Wahlkreis Wolfenbüttel zur Schließung von Schulen, um eine weitere IGS zu schaffen - mit den entsprechend längeren Fahrzeiten für Kinder aus ländlichen Regionen.

Dass „Realschulen systematisch kaputtgemacht“ werden, rechnete Stefan Hoppe, Leiter der Duderstädter Sielmann-Realschule, am Beispiel der Lehrerstunden vor. Rechnerisch sei nämlich nicht zu begründen, warum Gesamtschullehrer so wenige Pflichtstunden haben.

Und während „Lobbyist“ Schimpf noch aus Studien zu belegen versuchte, dass Gesamtschulen weder bei Selektivität noch bei Leistung besser seien als Gymnasien, trug ausgerechnet die jüngste Diskussionsteilnehmerin den Satz mit dem meisten Applaus bei: „Nur die Länder bekommen gute Kritiken für ihr Schulwesen, die Kontinuität in ihren Schulformen haben“, sagte die künftige Abiturientin Seebode.

„Was bringt die Reform des niedersächsischen Schulgesetzes?“ Diese Frage wollten CDU und FDP aus Stadt und Kreis bei ihrer Podiumsdiskussion am Dienstagabend im Neuen Rathaus klären. ©Pförtner

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►Kommentar: Meinung verfestigt
Jürgen Gückel

Jürgen Gückel

Quelle:

Na klar: Wer zu einer Parteiveranstaltung geht, darf sich nicht wundern, wenn er Parteiisches hört. Besonders dann, wenn es die Einladung zweier ehemaliger Regierungsparteien ist, deren Nachfolger nun umbauen, was die Gastgeber zuvor umgebaut hatten.

Dass Praktiker, also Schulleiter, Eltern- und Schülersprecher, mitdiskutierten, ist löblich. Wo aber war auf dem Podium derjenige, der die Idee erklärt hätte, die die geplante Gesetzesreform trägt - geschweige denn, sie verteidigt? Fehlanzeige! Der Leiter einer Oberschule, die CDU und FDP erst jüngst eingeführt haben, dürfte da als Befürworter des Gesamtschul-Gedankens eher nicht geeignet sein. Von der Seite der Reformer war überhaupt niemand angefragt.

Wirklich schade. FDP und CDU aus Stadt und Kreis hätten ihr lobenswertes Zusammenwirken mit ausgewogener Besetzung des Podiums krönen können. Wie heißt es in Artikel 21 des Grundgesetzes? „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.“ Was die interessierten Zuhörer aber erlebten, war die Verfestigung gefasster Meinungen innerhalb zweier Parteien.

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