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Politisch und kontrovers

Jenny Erpenbeck und Patras Bwansi lesen im Literarischen Zentrum Göttingen Politisch und kontrovers

Ein politisch aufgeladenes Thema hat sich am Donnerstagabend im ausverkauften Literarischen Zentrum entladen. Jenny Erpenbeck stellte ihren Roman „Gehen, ging, gegangen“ vor. Patras Bwansi las aus seinem Essay, kritisierte Erpenbeck und die deutschen Asylgesetze.

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Göttingen. Moderatorin Judith Heitkamp sagt über Erpenbeck: „Sie hat das gemacht, was ihre Romanfigur macht: sich Zeit nehmen.“ Die Autorin recherchierte für ihren Roman in Flüchtlingsheimen und stieß dabei auf eine Gruppe von Männern, die 2012 bis 2013 auf dem Oranienplatz in Berlin für eine Änderung der Asylgesetze protestierte. Das Protestcamp wurde vom Senat aufgelöst, indem den Flüchtlingen Zusagen gemacht wurden, ohne sie einzuhalten, so Erpenbeck.

„Gehen, ging, gegangen“ erlebte seit seiner Erscheinung verschiedene politische Umfelder. Über die Willkommenskultur, die Anschläge von Paris im November und schließlich die Kölner Silvesternacht – die Stimmung der Deutschen habe eine große Wandlung durchlaufen, stellt Heitkamp fest. „Die Leute, mit denen ich geredet habe, sind immer noch in derselben Situation wie vor eineinhalb Jahren“, kontert Erpenbeck trocken und kontrastiert damit die Situation der Flüchtlinge mit der Stimmungslage der Deutschen.

Bwansi ist aus Uganda nach Deutschland geflüchtet und stellte vor fünf Jahren seinen Asylantrag. Er äußert scharfe Kritik an Erpenbeck. „Wieso haben Sie nur die Lampedusa-Gruppe porträtiert?“, fragt er. Er habe zu den Gründern des Protestcamps am Oranienplatz gehört und sei nicht über Lampedusa gekommen. „Ich bin keine Geschichtsschreiberin des Oranienplatzes“, verteidigt sich Erpenbeck.

Die Bücher:

Jenny Erpenbeck: „Gehen, ging, gegangen“, Albrecht Knaus Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro.

Patras Bwansi, Lydia Ziemke: „Mein Name ist Bino Byansi Byakuleka“, Mikrotext, 140 Seiten, 1,99 Euro.

In Bwansis Essay „Mein Name ist Bino Byansi Byakuleka“ benennt er die britische Kolonialisierung als heutige Fluchtursache aus Uganda. Als er in Deutschland angekommen sei, habe er gedacht, sein Asylantrag würde innerhalb weniger Tage bewilligt. „Ich dachte, meine Menschenrechte werden anerkannt“, sagt der politische Aktivist und Textilkünstler.

„I would like to talk to you in Deutsch“, erklärt Bwansi. Aber die Teilnahme an einem Deutschkurs sei ihm verweigert worden. Im Publikum rumort es bereits länger. Es gebe sehr wohl Deutschkurse, sagt eine Zuhörerin. „Das ist die deutsche Tradition zu sagen, wir sind es nicht“, antwortet Bwansi.

Bwansi hatte den Mut, seine Meinung gegenüber einem deutschen Publikum zu vertreten. Diese Sichtweise, teilweise radikal vorgetragen, zu hinterfragen, wäre das gute Recht des Publikums gewesen. Doch bevor es dazu kommen konnte, wurde die Veranstaltung beendet.

Von Jorid Engler

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