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Premiere: „Der Drachentöter“

„Stille Hunde“ Premiere: „Der Drachentöter“

Eine dürftig zusammengeschusterte Wandertheaterbühne, vielleicht irgendwo auf einem Jahrmarkt oder Volksfest: ein paar ramponierte Paletten, ein staubiger Vorhang, eine Lichterkette und ein Kühlschrank.

Was diese Szenerie zu tun haben soll mit Siegfried, dem kampferprobten Helden nordischer Sagen, den Inbegriff der Männlichkeit und des Mutes, der sich auszeichnet durch körperliche Größe und Jugendschönheit, durch gewaltige Kräfte und Augen, die so scharf sind, dass niemand hineinsehen kann, erschließt sich erst, als die „Stillen Hunde“ die Bühne in der Stadtbibliothek betreten.
Alberto Kniff (Christoph Huber), in erster Linie gescheiterte Existenz mit Hang zum Alkoholismus, will sein selbst geschriebenes Meisterwerk „Siegfried“ mit sich selbst als einzigem Darsteller aufführen. Was schnell deutlich wird: Die des heldenhaften Siegfrieds ist die Rolle, in der er sich selbst am ehesten sieht – schön, stark und voller Testosteron. Gerechnet hat er dabei nicht mit seinem Lakaien Schalentier, der, schikaniert und ausgelaugt, scheinbar noch weniger zu verlieren hat, als sein Meister. Stefan Dehler glänzt in der Rolle des ewigen Verlierers, ungepflegt und mit dicker Hornbrille, der sich ungeniert und ausdauernd kratzt und dem Leben gegenüber einen unwiderstehlichen Witz entwickelt hat. Ausgerechnet er ist es, der die Rolle des Siegfried dann doch an sich reißen kann, und so entsteht eine urkomische Aufführung, in der die beiden gestrandeten Lebenskünstler über sich selbst hinauswachsen. Die Bühne macht möglich, was im wahren Leben so gar nicht gehen will.

Der trottelige, kurzsichtige Diener hat Gelegenheit als mutiger, scharfsichtiger Siegfried hoch über dem Drachen, seinem Meister, zu stehen und ihn windelweich zu prügeln. Der Meister, der so gerne jemand wäre, reitet als König Gunther nach Island, um seine Brunhild zu heiraten.

Stärken müssen sich die beiden immer wieder mit „Drachenatem“, der das Schnapstrinken während der Aufführung legitimiert und der ihnen über manches Fehlen von Requisiten hinweghilft. Ein Kehrbesen wird zum Pferd, der Kühlschrank zum Grabstein Siegfrieds.

Musikalisch untermalt wird „Der Drachentöter“ von dem Gitarristen Leon Hast, der konstant alle Stimmungen und Spannungen eindrucksvoll einfängt. Der Abend wird so wieder zu einem kreativ, humoristischen Glanzstück der „Stillen Hunde“. Unerschrocken und wendig poltern sie über die Bühne und schaffen eine Geschichte in einer Geschichte über eine nordische Sage – mit sagenhaftem Witz.

Von Indra Hesse

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