Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Premiere: „Die schöne Fremde“

Deutsches Theater Göttingen Premiere: „Die schöne Fremde“

Dunkel, trostlos, bedrückend – die Premiere von „Die schöne Fremde“ im Deutschen Theater Göttingen hat die Zuschauer sichtlich beeindruckt. So sehr, dass einige schon am Anfang des Stückes wieder gingen. Elias Perrig hat mit seinen acht Schauspielern eine verrohende Gesellschaft inszeniert.

Voriger Artikel
Open-Air-Konzert auf dem Göttinger Marktplatz
Nächster Artikel
Los Fuegos im Göttinger Stilbrvch

Die provinzielle Stammtischkneipe als geschlossene Gesellschaft.

Quelle: r

Göttingen. Als die schöne Fremde (Felicitas Madl) in einem Gasthaus in der Provinz einkehren möchte, erwarten sie Vorurteile, Verleumdung und Vergewaltigung. Der Pole, der ihr behilflich war, um diese Unterkunft zu finden, wird von den Männern, die am Tresen ihr Bier kippen, wegen Falschparkens totgeprügelt.

Der Fremden dichten die Wirtin und ihre Gäste kurzerhand an, eine Prostituierte zu sein, weil sie in ihrem Koffer hübsche Wäsche mit sich führt. Der Anwalt (Florian Eppinger), den sie am nächsten Tag einschaltet, um die Vergehen anzuzeigen, schlägt sich auf die Seite der Brüder Maul (Paul Wenning und Gerd Zinck) und Lutters (Andreas Jeßing), die alle Aussagen der Fremden ins Gegenteil verkehren.

Die Täter- und Opferrollen kehren sich am Ende des Stückes um, als die Fremde Rache nimmt und ihre Peiniger gegeneinander ausspielt. Angelika Fornell, als Schankwirtin, singt dazu „Atemlos“ von Helene Fischer. Dies ist eine der Aktualisierungen des Stücks von Klaus Pohl, das 1991 uraufgeführt wurde.

Termine

Weitere Vorstellungen sind am Freitag 10. Juni und am Dienstag, 21. Juni, um 19.45 Uhr im Deutschen Theater, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 0551/496911.

Pohl zeichnete das Bild einer geschlossenen Gesellschaft nach, die sich in den neuen Bundesländern nach der Wende gebildet hatte und die das „Fremde“ verunsicherte. Die Befremdlichkeit von Fremdenhass zu untersuchen, ist heute wieder aktuell geworden. Ironisch, obwohl es nicht so gemeint ist, bringt die Wirtin es auf den Punkt: „Wäre die Fremde nicht gewesen und der Pole, dann wär gar nichts gewesen. Das ganze Unglück kommt von die Fremde.“

Das Bühnenbild von Beate Faßnacht ist so einfach wie wandelbar. Das quaderförmige Gebäude beherbergt auf der einen Seite die Theke, über die die Wirtin die Bierflaschen reicht. Für die Szenen im Hotelzimmer der Fremden wird die Box gedreht und durch die großen Fenster wird ein kärgliches Zimmer sichtbar. Ihre Misshandlung durch Lutter, den Handlanger der Brüder Maul, verfolgen die Zuschauer durch diese Fenster. Das verstärkt den Voyeurismus.

Die Fremde kann sich mit rechtlichen Schritten nicht gegen ihre Demütiger wehren. Auch ihr Verlobter hat kein Verständnis für sie. Sie solle das Geschehene vergessen. Sie wird daraufhin selbst zur Täterin. Es scheint nur diese beiden Möglichkeiten zu geben: Resignation oder Gewalt. Die zwei schlechtesten Problembewältigungsstrategien, denn in beiden Fällen wird ein Kreislauf der Gewalt und Akzeptanz von Gewalt etabliert, nicht durchbrochen.

Wirkungsvoll inszeniert, überzeugend gespielt, grandios ausgestattet – das Ensemble des Deutschen Theaters hat alles richtig gemacht. Und doch bleibt Pohls Textgrundlage, die polarisiert.

Von Jorid Engler

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff