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Premiere: Gernot Grünewald inszeniert „Antigone“ von Sophokles im Jungen Theater Göttingen

Drama oder Tragödie, freie Wahl oder getrieben Premiere: Gernot Grünewald inszeniert „Antigone“ von Sophokles im Jungen Theater Göttingen

Antigone, das ist doch die, die sich gegen den Staat auflehnt. Die, die ihren Bruder begräbt, obwohl es der König, der auch noch ihr Onkel ist, unter Androhung der Todesstrafe verboten hat. Das Individuum stellt sich gegen die Gesetzesmacht, weil es eine Überzeugung hat. Das ist die übliche Lesart der Tragödie des antiken griechischen Dichters Sophokles, die 442 v. Chr. uraufgeführt wurde. So hat es auch der junge Regisseur Gernot Grünewald interpretiert – als er sich an der Theaterakademie in Hamburg bewarb. Für seine „Antigone“-Inszenierung am Jungen Theater Göttingen fand er einen anderen Fokus, wie die Premiere am Freitagabend, 29. Januar, gezeigt hat.

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Schonungslos: die blutige Antigone (Henrike Richters) mit ihrer sandigen Schwester Ismene (Anne Düe).

Quelle: Eulig

Grünewald, der im dritten Jahr an der Akademie studiert, ist der Frage nachgegangen, ob die handelnden Figuren in dem Stück tatsächlich eine Wahl haben oder ob sie nicht anders können, als so zu entscheiden, wie sie entscheiden. Antigone musste auch im Angesicht des Todes ihren Bruder begraben, König Kreon musste sie verurteilen, beide hatten keine andere Möglichkeit, so Grünewalds These.
Eteokles und Polyneikes sind die Söhne des Königs Ödipus. Nach dessen Tod hat ihr Onkel Kreon den Thron Thebens für sich reklamiert. Ein Kampf um die Stadt bricht aus, Eteokles führt die Verteidiger an, Polyaneikes die Angreifer. Im Kampf erschlagen sich die Brüder gegenseitig. König Kreon verweigert dem abtrünnigen Polyneikes die Beerdigung, dessen Schwester Antigone verlangt sie. Kreon setzt das Gesetz durch und lässt Antigone verhaften. Doch als ihn der Seher Theiresias vor den fatalen Folgen warnt, lenkt er ein und begräbt seinen Neffen. Antigone hat sich allerdings inzwischen erhängt, Kreons Sohn, der sie liebte, ersticht sich, und auch Kreons Ehefrau Euridike nimmt sich das Leben.
Das Stück sei kein Drama, heißt es irgendwann in der Inszenierung. Denn ein Drama sehe die Möglichkeit von Entscheidungen vor, eine Tragödie nicht. Regisseur Grünewald bekennt sich – wie viele der Hamburger Akademie-Absolventen – zum Regietheater, das heißt, er setzt nicht auf Werktreue, sondern greift in die Vorlage ein. Er verwendet auch Texte der RAF-Terroristen Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof sowie des politischen Autors und Ex-Ehemann von Ensslin, Bernward Vesper, und der Künstlerin Jenny Holzer. Das ist in der Inszenierung zu hören, meist allerdings kaum zuzuordnen. Doch glücklicherweise sind Grünewald und JT-Hausregisseur Alexander Krebs, der diesmal die Dramaturgie übernommen hat, sehr klug mit dem Textmaterial umgegangen – und mit der Inszenierung.
Zeitweilig lesen die Akteure ihren Text von den Stirnwänden des Theatersaals ab, auf den er projiziert wird. Dass sie ihn auch auswendig beherrschen, zeigen sie an anderen Stellen. Doch die Projektion macht deutlich: Auch die Schauspieler entscheiden nicht frei, ihr Handeln ist vorbestimmt. Ein gelungener Regieeinfall. Und noch etwas ist Grünewald gelungen: Er hat sein Ensemble zu einer bemerkenswerten darstellerischen Leistung angespornt.
Henrike Richters spielt die Antigone mit unglaublicher körperlicher Präsenz. Sie schont sich, ihre Kollegen und auch das Publikum in keiner Sekunde. Ihr „Spiel“ kann Angst machen. Richters steht im Zentrum, die anderen – Anne Düe als ihre Schwester Ismene, Jan Reinartz als König Kreon, Florian Lenz als dessen Sohn und Agnes Giese als Kreons Ehefrau – sind dieser Macht ausgeliefert. Beinahe beängstigend kraftvoll und kompakt agiert das Ensemble auf einer Bühne, die Ausstatter Martin Käser mit rostigen Blechen ausgelegt hat. Sand knirscht darauf. Das gibt optisch trotz der Reduktion einiges her, und es klingt ungewöhnlich. Etwas weiß um die Nase haben einige Besucher schließlich den Saal verlassen, denn obendrein wurde viel mit eigens dafür hergestelltem Theaterblut hantiert. Ein mitreißend-bedrückender Abend.
Weitere Vorstellungen: 2., 5., 12., 17. und 23. Februar um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 05    51   /   49    50    15.

Von Peter Krüger-Lenz

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