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Premiere: „The Black Rider“ am Deutschen Theater

„Totes Wild im ganzen Haus“ Premiere: „The Black Rider“ am Deutschen Theater

Es war schon ein wildes Team, was sich im Jahr 1990 zusammengefunden hatte, um die Uraufführung des Stückes „The Black Rider“ auf die Bühne im Hamburger Thalia-Theater zu bringen.

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Ob das wohl gut geht? Käthchen (Vanessa Czapla) umringt von Freund und Feind.

Quelle: Jauk

Göttingen. William S. Burroughs, Ikone der Beat-Literatur, hatte den Text geschrieben, Tom Waits, schon eine musikalische Legende, an der sich ganze Musikergenerationen orientierten, und Regisseur Robert Wilson, berühmt für seine grandiosen Bilder, die er mit Licht auf der Bühne zauberte. Drei US-Amerikaner also, die sich eines sehr deutschen Stoffes bemächtigten. Denn die Geschichte, die „The Black Rider“ erzählt, ist eigentlich ur-deutsch, sie gründet auf Carl Maria von Webers „Freischütz“. Regisseurin Beate Baron hat das Musiktheater am Deutschen Theater (DT) inszeniert, Premiere war am Sonnabend.

Käthchen lebt mit ihrer Familie im Forsthaus, das in diesem mythenbeladenen Wald steht. Hier herrscht seit Generationen der Förster in Erbpacht. Wer Kätchen heiraten will, muss beweisen, dass er ein überragender Schütze ist. Das kann aber der Schreiber Wilhelm nicht. Dabei liebt er doch das Käthchen. Und sie ihn. Die Lösung kommt aus einer ganz finsteren Ecke. Eine undurchsichtige Gestalt versorgt Wilhelm mit Kugeln, die nie fehl gehen.

Im jugendlichen Überschwang erlegt Wilhelm alles, was sich bewegt im Wald: „O wie herrlich sieht’s hier aus – totes Wild im ganzen Haus.“ Als Wilhelm den entscheidenden Schuss setzen soll, ist seine Munition aufgebraucht. Der Kugel-Dealer legt nach. Sieben Patronen gibt er dem jungen Mann, doch die letzte wird ihr Ziel selbst suchen. So lautet die Abmachung. So wird es geschehen. Am Ende sinkt Käthchen danieder – ein insofern bemerkenswerter Schluss, als im wirklichen Leben der Autor Burroughs sturztrunken seine Ehefrau beim Nachstellen von Wilhelm Tells Apfelschuss erschoss. Eine Tat, die als Unfall gewertet wurde. Sein Leben lang nahm Burroughs Drogen, vor und nach dem Todesschuss.

Sucht und die Vorliebe der US-Amerikaner für Waffen, die auch Burroughs teilte, sind zwei zentrale Motive der DT-Produktion von Regisseurin Beate Baron. Ihre Figuren treffen sich zwar immer noch im Forsthaus. Doch hier vermischen sich die Kulturen. Trachtenmädchen trifft auf Cowboys. Alle hantieren sehr amerikanisch mit ihren Gewehren oder Colts.

Das wirkt hier und da fast scherenschnittartig und entfaltet doch nach und nach seine Hintergründigkeit. Baron hat symbolträchtige Bilder gefunden und zu einem komplexen und professionellen Ganzen zusammengefügt. 

Als wesentlich für das Gelingen des Abends erweisen sich vor allem zwei Bestandteile. Zum einen agiert das Schauspiel-Ensemble um eine zauberhafte Vanessa Czapla als Käthchen, Moritz Schulze als sangesstarker Wilhelm und Emre Aksızoğlu als sehr lässiger Finstermann geschlossen auf ganz hohem Niveau. Viele zeichnen sich als bemerkenswert stimmgewaltig aus. Beeindruckend auch, wie Gerd Zinck als dauerpräsenter Burroughs oft ein wenig abseits steht und dennoch immer ganz zentral ist.
Zum anderen hat Michael Frei, musikalischer Leiter des DT, eine prächtige Kapelle mit alten musikalischen Bekannten zusammengestellt wie beispielsweise Hans Kaul, der selbst schon musikalischer Leiter in dem Haus am Wall war. Die  Musiker spielen die wilde Kirmes-Musik, die Tom Waits für das Spektakel komponierte, ganz dicht am Original. Sie verleihen dem Abend die Dynamik und Schrägheit, die ihm gebührt.

Wild ist auch das Bühnenbild, das Silke Bauer für die Produktion entworfen hat. Auf eine Drehbühne hat sie ein mächtiges Trum gestellt, das unter einer gewissen Gesichtslosigkeit leidet. Es nimmt den Schauspielern viel Bühnenraum, eröffnet ihnen aber auch diverse Spielorte von der gefährlichen Schräge über einen Tunnelschacht mit großem Ventilator bis hin zu einem grünen Vorhang, der in den Wald führt. Hier tummelt sich das Ensemble zum großen Vergnügen der Premierenbesucher, die Schauspieler und Regieteam einhellig mit sehr viel Beifall feierten.

Weitere Vorstellungen: 3., 8., 10., 17., 19. und 23. April sowie am 8. und 15. Juli im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

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