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Premiere: „Unter der Erde“ im DT Göttingen

Exorzismus und Tomaten Premiere: „Unter der Erde“ im DT Göttingen

„Unter der Erde“ heißt das ungeschriebene Werk des Farmersohns Indalecio. Er will ein Geheimnis aufdecken, dass sein Vater mit aller Kraft zu verheimlichen versucht. Antje Thoms hat das Stück von Paco Bezerra am Deutschen Theater Göttingen inszeniert.

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Quelle: Winarsch

Göttingen. Das Bühnenbild von Beni Küng ist beeindruckend. Ein Schaukelgerüst, an dem ein Gartenstuhl befestigt ist, ein alter Kühlschrank aus dem Schläuche ragen und ein Tisch mit einem riesigen Vergrößerungsglas, hinter dem noch allerlei Gemüse zerschnippelt werden wird im Verlauf der Vorstellung. Umgeben ist dieses sonderbare Mobiliar von Plastikbahnen, die sich im Raum auftürmen.

Locker angelehnt an Shakespeares „König Lear“ ist die Personenkonstellation in „Unter der Erde“. Ein Vater hat drei Söhne: der Älteste, Ángel (Benjamin Kempf), ist gezeichnet von einer grässlichen Krankheit, eine klaffende Wunde verläuft direkt über seiner Kehle. José Antonio, gespielt von Emre Aksizoglu, ist der Verbündete des Vaters, getrieben vom selben Wunsch, eine neue Tomatensorte zu züchten. Indalecio (Anton von Lucke), der Jüngste, ist ein Träumer und Möchtegern-Schriftsteller.

Elisabeth Hoppe verkörpert gleich mehrere Rollen. Sie spielt Farida, die heimliche Freundin von Indalecio. In einer Szene ist sie die Heilerin, die Indalecio, dem Wunsch seiner Familie entsprechend, per Exorzismus zu einem normalen Menschen machen soll. Hoppe und von Lucke überbieten sich in dieser grandios gespielten Szene gegenseitig mit Augenrollen, Schielen und unkontrollierten Zuckungen.

Die Handlung ist schwer zu durchschauen, in dieser Inszenierung, die Fiktion und Realität derart vermischt, dass sich der Zuschauer nur schwer orientieren kann. Das Bühnenbild, so fantasievoll und detailreich es sein mag, lenkt ab von der Kritik an den sozialen Bedingungen, der illegalen Einwanderer, die auf spanischen Gemüsefeldern arbeiten. Die düstere Stimmung, das unwirkliche Bühnenbild, die abgerissenen Gestalten, die teilweise von schweren Wunden gezeichnet sind, suggerieren eine postapokalyptische Szenerie. Man erwartet Zombies.

Es werden viele Fragen aufgeworfen und nur wenige beantwortet. Der Vater und Ángel züchten die ersehnte Tomate. Doch zu welchem Preis? Unter Verwendung von Pestiziden oder doch auf dem Nährboden verscharrter Leichen der verschwundenen Gastarbeiter? Die Geschichte bleibt offen.

Von Jorid Engler

Die nächsten Aufführungen von „Unter der Erde“ im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11, sind am 25. Januar um 20 Uhr, 31. Januar um 18 Uhr, am 10. Februar und am 19. Februar um 20 Uhr. Kartentelefon: 0551 / 496911.

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