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Premiere am Deutschen Theater: „Die Magd Zerline“

Tosender Seelenlärm Premiere am Deutschen Theater: „Die Magd Zerline“

„Der Mensch ist billig und sein Gedächtnis ist voller Löcher, die man niemals stopfen kann.“ Was ist wahr, was womöglich nur Flickwerk? Dieser Frage geht die neue Inszenierung des Deutschen Theaters in Göttingen nach. „Die Magd Zerline“ nach Hermann Broch hatte am Sonntag Premiere.

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„Die Magd Zerline“, gespielt von Angelika Fornell, hatte am Sonntag am Deutschen Theater in Göttingen Premiere.

Quelle: Anton Säckl

Göttingen. In seinem Zimmer verdöst A. einen Sonntagnachmittag. Da erscheint Zerline, die Magd seiner Vermieterin. Getrieben von Klatschsucht und dem Wunsch, sich die eigene Frustration von der Seele zu reden, offenbart sie dem Untermieter intimste Details aus dem Familienleben der verwitweten Baronin, seiner Vermieterin. Deren Tochter Hildegard, so erzählt die Magd Zerline, sei ein Bastard. Gezeugt während eines einmaligen Seitensprunges der Baronin.

Schnell wird klar, dass Zerline selbst tief in das Leben ihrer Herrschaft verstrickt ist. Der früh verstorbene Baron war ihre große Liebe. Mit dem Liebhaber der Baronin, dem Herrn von Juna, hatte sie eine Affäre.Die Geschichte wandelt sich unerwartet in einen veritablen Kriminalfall.

„Die Erzählung der Magd Zerline“ ist Teil des 1950 erschienenen Romans in elf Erzählungen „Die Schuldlosen“ von Hermann Broch. Inzwischen nahezu in Vergessenheit geraten, lohnt es durchaus, diesen Autor, der auch seine Erfahrungen mit Freuds Psychoanalyse in sein Werk einfließen lässt, neu zu entdecken. So ist der Monolog der Zerline bestimmt durch den interessanten Charakter der Protagonistin und einige schön formulierte Gedanken und Begriffe wie etwa „Seelenlärm“.

Angelika Fornell in der Rolle der Zerline besticht durch große Präsenz. Unterstützt von der Architektur des nur etwa 60 Zuschauer fassenden Raumes, die den Zuschauer förmlich in eine ferne Zeit transferiert. In der Erinnerung der Magd mal enttäuscht und voller Wehmut, mal sinnlich lächelnd, dann wieder boshaft und voller Verachtung zieht Fornell in dem 60-minütigen Monolog unter der Regie von Wenzel Winzer sämtliche Register.

Zerline ist eine starke Frau und eine scharfsichtige Beobachterin, die, so scheint es, trefflich zu analysieren weiß. Aber sie ist, vom Leben in die Klassenschranken gewiesen, auch moralisch flexibel und durchtrieben. Sie instrumentalisiert andere und macht sich selbst schuldig. Die Vielschichtigkeit der Erzählung und Fornells intensive und spannungsreiche Darstellung ziehen gleichermaßen in ihren Bann.

Von Karola Hoffmann

Weitere Vorstellungen stehen auf dem Spielplan am Sonnabend, 26. Dezember, um 20 Uhr sowie am 17., 25. und 31. Januar 2016 auf der Bühne DT-X Bellevue des Deutschen Theaters Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

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