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Surreales Nebeneinander

Premiere am Deutschen Theater Göttingen Surreales Nebeneinander

„Die lächerliche Finsternis“ nach einem Hörspieltext von Wolfram Lotz und inszeniert von Marcus Lobbes hatte am Sonntag Premiere am Deutschen Theater. Surreal, irritierend und medienkritisch wurden Perspektiven und Realitäten in Frage gestellt. Das Publikum war gefordert.

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Die Schauspieler Gabriel von Berlepsch und Benedikt Kauff in Aktion.

Quelle: r

Göttingen. Ein Rednerpult, zwei Stehtische, Stühle in einer Sitzgruppe, zwei große Blumenvasen. Eine Podiumsdiskussion. Das Thema: Ist die Finsternis wirklich lächerlich? Lotz gibt seinen Protagonisten ein Forum, Eindrücke einer Reise ins Unbekannte zu schildern.

Motive aus Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ und Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“ stehen hier Pate. Hauptfeldwebel Oliver Pellner (Benedikt Kauff) und Unteroffizier Stefan Dorsch (Gabriel von Berlepsch) fahren mit einem Patrouillenboot „auf dem Hindukusch“ durch das afghanische Hinterland. Und ihre Suche nach dem verschollenen Oberstleutnant Deutinger, der im Wahn zwei Kameraden umgebracht hat, führt auch durch den afrikanischen Busch und damit mitten in das „Herz der Apokalypse“.

„Die Leute sehen etwas im Fernsehen und glauben es einfach. Sie meinen zu wissen, dass der Hindukusch ein Gebirge ist“, sagt Wolfram Lotz (Marie Seiser). Und es wird klar, dass allgemeines Wissen, in einer medialen Dauer-Flut verbreitete Realitäten über die Fremde und die eurozentristische Perspektive auf die Welt hier an ihre Grenzen stoßen. Wie auch das Verständnis für Ultimo Michael Pussi (Frederik Schmid). Der somalische Pirat muss sich vor einem Hamburger Gericht verantworten und erzählt von seiner ausweglosen Lage und von leergefischten Gewässern, die internationale Fischereiflotten zurückgelassen haben.

Ein surreales Nebeneinander entsteht. Eine konstruierte Situation auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig. Der Zuschauer sieht sich konfrontiert mit den Folgen militärischen und ökonomischen Handelns in Zeiten des Postkolonialismus, der Globalisierung und internationaler Krisenherde, konfrontiert mit Armut, Krieg und Gräueltaten, mit westlicher Arroganz und dem sich Entziehen aus Verantwortung.

Belanglosigkeiten, Befindlichkeiten, literarische Reflexionen und Regieanweisungen mitten im Erzählten machen das Dickicht an Bildern noch undurchschaubarer. Eine experimentell anmutende Situation. Zunächst in einer formalen Balance gehalten, artet das Treiben auf der Bühne allmählich aus. Das fünfköpfige Ensemble, zu dem auch Patrick Gees gehört, spielt sehr gut zusammen. Die dargestellten Figuren wirken stimmig in ihrer Absurdität und ihren zunehmend surrealen Ausbrüchen. Ein irritierendes, knapp zweistündiges Schauspiel bei dem mitunter die vielen Lacher im Premieren-Publikum für zusätzliche Irritationen sorgten.

„Aber das ist ja trotzdem auch nur so ein Text und nicht, worum es eigentlich geht. Denn es ist ja nicht hier, das Grauen, es geschieht hier ja nicht. Man darf das nicht verwechseln mit dem, was in der Wirklichkeit geschieht“, sagt der Chorus am Ende. Die Zuschauer waren gefordert. Der Applaus war groß.

Von Karola Hoffmann

Weitere Termine

Vorstellungen auf der Bühne DT-2 stehen am Freitag, 10. Juni, und am Montag, 13. Juni, um 20 Uhr auf dem Spielplan des Deutschen Theaters Göttingen, Theaterplatz 11. Weitere Termine in der kommenden Spielzeit. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

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