Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Premiere des Stücks „Wer kocht, schießt nicht“ im Deutschen Theater

„Nobody isst perfect“: Premiere des Stücks „Wer kocht, schießt nicht“ im Deutschen Theater

Lauch ist gefährlich, und unsere Großmütter waren alle kriminell, denn sie jagten in ihren Kochorgien die Vitamine durch die Kachelöfen. Diese und andere schockierende Fakten erfuhr das Publikum bei der Premiere von „Wer kocht, schießt nicht“ (Autor Michael Herl, Inszenierung Lutz Keßler) am Mittwochabend, 20. Okotber, auf der Kellerbühne des Deutschen Theaters (DT) Göttingen.

Voriger Artikel
Deutschlandradio Kultur in Göttingen
Nächster Artikel
Dicht gewebter Teppich von Silbertönen

Koch und Esser aus Leidenschaft: Dr. Kögel (Ronny Thalmeyer).

Quelle: Wienarsch

Dr. Kögel (Ronny Thalmeyer) ist ein arbeitsloser Molekularbiologe und taugt nicht für den Verkauf. Aber das Arbeitsamt lässt ihm keine Wahl. Ausgerechnet er, der Gastwirtssohn aus dem Sauerland und passionierter Hobbykoch, muss einem Testpublikum Produkte der Firma Schnell&Lecker präsentieren: Fertigprodukte der übelsten Sorte, in denen Huhn höchstens noch als Pulver vorkommt.

Sichtlich gequält aber pflichtbewusst erläutert der Wissenschaftler, dass Lauch aus der Normandie auf dem Humus von D-Day Leichen gewachsen ist und sich an Möhren schon Maulwürfe ihre vereiterten Bäuche gerieben hätten. Noch dazu sei die Emanzipation erst so spät gekommen, weil die Frauen mit dem zeitaufwendigen und unnötigen Zerkleinern von Gemüse in den Küchen der Nation beschäftigt gewesen seien: „Aber alles ist heute besser, weil es Schnell&Lecker gibt“.

Doch Kögel kann den Genießer in sich nicht verdrängen, und auf der Bühne ereignet sich ein mehr und mehr schizophrener Akt: Während er ausruft wie „umständlich“ es sei, Nudeln zuzubereiten und zwischendurch Produkte von Schnell&Lecker vorstellt, kocht Kögel ein herrlich duftendes Hühnergericht mit Lauch und bereitet selbstgemachte Fettucine vor. Dabei schwelgt er in Erinnerungen an vergangene Urlaube und Karin – die einzige Romanze in seinem Leben – und zeigt so mehr als anschaulich, dass Essen eben nicht nur Nahrung für den Körper ist.

Die Stärke der Inszenierung liegt in der krassen Gegenüberstellung des altmodischen sinnlichen Kochens – am Ende darf ein Zuschauer probieren – und den von Kögel vorgetragenen unappetitlichen Inhaltsstoffen der Schnell&Lecker-Waren, die stellvertretend für alle Fertigprodukte einer kau- und kochfaulen Gesellschaft stehen, wenn man von der zur Schau gestellten Kochmanie im Fernsehen mal absieht.

Thalmeyer gibt neben aller Komik der Figur Kögel eine theatralisch, melancholische Note, die durch die immer mehr in sich zusammensinkende Kochmütze wunderbar illustriert wird. Rund eine Stunde lang füllt er den Keller mit seiner Präsenz und herrlichem Küchenduft. Das „Testpublikum“ ist begeistert. Ein Stück für alle, die wie Kögel der Meinung sind: „Am sympathischsten sind die Völker, die sich Zeit fürs Essen nehmen.“

Von Marie Varela

„Wir waren irgendwie die Vorreiter der Kochshows“

Rund 60     000 Leute haben das Stück in Frankfurt mittlerweile gesehen“, sagt Michael Herl, der Autor der Satire „Wer kocht, schießt nicht“ nach der Premiere seines Stückes im Deutschen Theater (DT). Das Stück, das im September 2002 im Stalburg Theater im Frankfurter Nordend uraufgeführt wurde, sei „nach wie vor der Dauerbrenner des Repertoires“, so Herl, der das Stalburg Theater 1998 gründete. Sowieso hat der sympathische, gemütliche Mann mit dem Charaktergesicht schon so einiges gemacht: Mit 16 fing der 1959 im pfälzischen Pirmasens geborene Herl bei der hiesigen Zeitung an zu schreiben, Anfang der 80er Jahre besuchte er die renommierte Deutsche Journalistenschule in München. Später arbeitete er unter anderem, als Redakteur beim „Stern“ und war freier Autor für „Geo“ oder das „Zeit“-Magazin. Auch als Schauspieler und Regisseur war er tätig. Vielen ist er auch durch die Late-Lounge beim Hessischen Rundfunk bekannt, die 2003 für den Grimme-Preis nominiert wurde. Herl ist ein Tausendsassa. Gerade in jungen Jahren „habe ich neben der Journalistenschule auch immer als Koch gejobbt“, erzählt Herl. Er isst gern gut und „würde nie so einen Kram wie den von Schnell&Lecker essen“. Das DT ist nun schon das fünfte Theater, in dem „Wer kocht, schießt nicht“ auf dem Spielplan steht. Den Erfolg seines geistreichen, vor Wortwitz sprühenden Stückes erklärt sich Herl vor allem mit der um 2002 aufgekommenen Kochwelle im Fernsehen. „Das war beflügelnd für das Stück. Wir waren irgendwie die Vorreiter der Kochshows“, stellt er fest. Der Teller mit dem von Dr. Kögel zubereiteten Hühnergericht würde in Frankfurt seit langem weitergereicht, weil einfach alle probieren wollten, schmunzelt Herl. Über die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Lutz Keßler meint er, dass diese sehr unkompliziert und gut verlaufen sei. „Er hat sich das Stück in Frankfurt angesehen und ein-, zweimal gefragt, ob er dieses oder jenes kürzen kann. Manch andere Regisseure haben es mit diesbezüglichen Nachfragen übertrieben.“ Keßler habe „etwas ganz anderes“ aus dem Text gemacht, und das gefalle ihm sehr gut.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag