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Premiere für „Fremdes Haus“ im Deutschen Theater Göttingen

Mazedonien Premiere für „Fremdes Haus“ im Deutschen Theater Göttingen

Als 1995 Dea Lohers Theaterstück „Fremdes Haus“ in Hannover uraufgeführt wurde, war Mazedonien erst seit vier Jahren unabhängig. Dennoch ist dieses Schauspiel um Menschen, die ihre mazedonische Heimat verlassen haben, kein bloßes Zeitstück. Das hat Mark Zurmühles Inszenierung am Deutschen Theater (DT) Göttingen sehr deutlich gemacht, die am Sonnabend ihre erfolgreiche Premiere hatte.

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Im Kampf: Jane (Bardo Böhlefeld, vorn) und Risto (Florian Eppinger), im Hintergrund Terese (Elisabeth Hoppe).

Quelle: Georges Pauly

Göttingen. Zwei Paare bewohnen ein Haus am Kanal: der Zigarettenhändler (oder -schmuggler) Risto mit seiner Frau Terese und deren Tochter Agnes, seit einem Unfall mit steifem Bein. Sie ist mit Jörg verheiratet, einem Autoschlosser, der eine kleine Schrauber-Werkstatt betreibt. Jörg ist der einzige Nicht-Mazedonier unter ihnen, aber genauso erfolglos wie die anderen. Zu ihnen ins Haus kommt Jane. Er stammt wie Risto und Terese aus der mazedonischen Stadt Ohrid, ist desertiert und will nun sein Glück in der Fremde versuchen.

 

Dass aber Glück im fremden Haus am Kanal keinen Platz hat, zeichnet sich schon in den ersten Szenen ab. Bezeichnenderweise wird dieses Wort im Stück auch nicht ausgesprochen, sondern nur in einzelnen Buchstaben artikuliert.

 

Alle haben Schuld auf sich geladen, die sie so gut wie möglich zu verdrängen suchen. Risto hat seinen besten Freund verraten, Terese weiß das. Ihre Rache ist subtil: Sie demütigt ihn, indem sich in die Rolle einer Gelegenheits-Prostituierten flüchtet. Jörg ist schuld an Agnes’ Unfall und hat sie – ein Kompensations-Handel – geheiratet. Agnes hat sich darauf eingelassen, wohl wissend, dass sie damit ihren Traum von Glück endgültig begraben hat.

 

Tristesse also, wohin man schaut. Mehr als das: Loher hat ihrem Stück einen Prolog vorangestellt, der die unvorstellbaren Grausamkeiten im Krieg Mazedoniens gegen Byzanz im 10. Jahrhundert schildert. Der Zuschauer ist also auf das Schlimmste gefasst. Zwar kommt es in der Tat schlimm, aber Zurmühle hat in seiner Inszenierung mit klugen Schachzügen triefende Tragik vermieden. Immer wieder arbeitet er kleine Schmunzel-Momente heraus und lässt überdies Rahel Weiss in der Rolle der Agnes die haarsträubendsten Dinge in einem derart kindlich-naiven Ton erzählen, dass nirgends falsches Pathos aufkommen kann.

 

Selbstverständlich gibt es keine wohlfeile Lösung am Ende dieser packenden, ohne Pause gespielten 110 Minuten. Mag sein, dass Jane – sehr souverän und immer glaubhaft: Bardo Böhlefeld – später tatsächlich in der Bar von Nelli (Melina Borcherding) zu etwas Geld kommt. Aber nicht sehr wahrscheinlich. Immerhin kann sich Agnes – mit vielen sprachlichen Zwischentönen, lebendiger Mimik und großer Emotionalität: Rahel Weiss – am Schluss von Jörg (Benjamin Krüger) trennen. Terese (anrührend: Elisabeth Hoppe) geht ins Wasser. Risto (wunderbar misstrauisch und mürrisch, groß im Moment seines Schuldeingeständnisses: Florian Eppinger) hat zu viel geraucht und wird sterben.

 

Eleonore Bircher hat eine schräg ansteigende Spielfläche auf die Bühne gestellt, oben das Mauergeviert des fremden Hauses: Die Kargheit der Ausstattung spiegelt die Kargheit der Handlung – die einzig in Janes Epilog über den Traum des Falken ein Stück weit ins Pathetische abgleitet. Das Premierenpublikum spendete einhellig heftigen Applaus.

 

Weitere Termine: 30. Juni, 10. und 16. Juli um 19.45 Uhr im DT, Theaterplatz 11. Karten: Telefon 0551/496911 oder dt-goettingen.de.

 

Von Michael Schäfer

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