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Premiere im Deutschen Theater Göttingen: „Ein idealer Gatte“

Nur Männer Premiere im Deutschen Theater Göttingen: „Ein idealer Gatte“

„Für uns gibt es nur eine Jahreszeit: die Jahreszeit des Grams.“ Der dies schrieb, hatte mit zuvor seinem funkelnden Witz, seinen geschliffenen respektlosen Aphorismen, seinen elegant schockierenden Wahrheiten die Gesellschaft blendend unterhalten. Oscar Wildes Komödien sind inzwischen gut 120 Jahre alt, aber sie haben kaum Staub angesetzt.

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Schrill: die Schauspieler Anton von Lucke, Benjamin Krüger, Florian Eppinger, Emre Aksızoğlu und Benjamin Kempf (v. l.) in Frauenrollen.

Quelle: Aurin

Göttingen. Wie aber will sich zum Witz der Gram fügen? Thomas Danne­mann macht das in seiner Inszenierung der Komödie „Ein idealer Gatte“ am Deutschen Theater faszinierend sinnfällig.

Er verschränkt mit dem Stücktext Passagen, die Wildes persönliches Schicksal darstellen, seinen Prozess im Jahr 1895, der zum jähen gesellschaftlichen Absturz des Autors führte, zur Zerstörung seiner Existenz. Die Protokolle dieses Prozesses liegen seit 2003 vollständig vor. Dannemann nennt seine Fassung folgerichtig „Oscar Wilde ein idealer Gatte“.

Zu Beginn und zum Schluss des Stückes sehen wir Wilde in seiner Zuchthauszelle, hören Texte aus „De profundis“, den erschütternden Briefen, die Wilde in der Zeit seiner Haft verfasste. Dazwischen entfaltet sich das amüsant-intrigante Spiel der Komödie, immer wieder kontrapunktiert von Szenen aus dem Prozess.

Übergangslos schlüpfen dabei die Personen der Komödien-Handlung in die Rollen der Prozessbeteiligten. Das funktioniert mühelos – wie eine Überblendung in einem Film. Unterstützt werden diese Szenenwechsel durch das perfekt wandlungsfähige Bühnenbild von Heike Vollmer mit verschieblichen und klappbaren Wänden, die blitzschnell alle möglichen Räume auf der Drehbühne öffnen.

Wandlungsfähiges Bühnenbild

Regisseur Dannemann nutzt noch einen zweiten Kunstgriff: Er besetzt alle Rollen, auch die weiblichen, mit Männern. So ist diese versnobte, dekadente, vor allem sich selbst liebende Gesellschaft, die Wilde in seiner Komödie vorführt, zugleich ein Käfig voller Narren: mit sprühender Lust an Travestie, die sich nicht nur in den wunderbar schrillen Kostümen (Regine Standfuss) äußert, sondern in der dadurch perfekt angeheizten Spielfreude des Ensembles.

So entstehen abgründige Kontraste zwischen der bunt wirbelnden, geistsprühenden Komödie und den immer beklemmender wirkenden Szenen des Prozesses, dessen existenzielle Bedrohlichkeit für Wilde von Szene zu Szene deutlicher wird.

Diese Kontraste werden von den  Protagonisten glänzend gemeistert, ein wenig mühsam vielleicht von Gabriel von Berlepsch, der als Edward Carson im Kreuzverhör mit Wilde sein stimmliches Material ein wenig überstrapaziert, was auch für sein Rollenporträt des Sir Robert Chiltern  gilt. Deutlich eleganter switcht Ronny Thalmeyer von der schräg-schrulligen Mrs. Marchmont in die Prozess-Rolle von Edward Clarke.

Und geradezu brillant ist das, was Florian Eppinger vorführt: Hier die charmante, liebeshungrige Miss Mabel, dort Oscar Wilde, der erst im Vorgefühl eines vermeintlich bevorstehenden Triumphes brillante Wortgefechte mit seinem Gegner führt, um am Ende auf der Pritsche in seiner Zelle zu liegen: als gebrochener Mann, der sein früheres Leben gnadenlos verurteilt.

Besonders vergnügliche Charakterstudien

Jugendliches Gegenstück zu Florian Eppingers Wilde-Figur ist Emre Aksızoğlu als Lord Goring: auch unter schlimmsten Anfechtungen stets lächelnd überlegen, punktgenau die Pointen setzend. Farbige Tupfer bieten Karl Miller als gertenschlanke Lady Chiltern in einer rosaroten Wolke aus Tüll, Benjamin Kempf als durchtrieben-intrigante Mrs. Cheveley, Benjamin Krüger als schwarzgelockte, vollbärtige Lady Basildon und Anton von Lucke als perückengeschmückter Vicomte de Nanjac, als dienstfertiger Mason und als Sidney Wright im Prozess.

Paul Wenning zeichnet zweifach konturenscharf die Rolle des besorgten Vater eines verkommenen Sohnes: in der Komödie als Lord Caversham, im Prozess als Marquis von Queensbury. Zwei besonders vergnügliche Charakterstudien bietet Lutz Gebhardt als Lady Markby und Phipps.

Viel zur dichten Atmosphäre dieser knapp drei Stunden langen, von Anfang bis Ende fesselnden Inszenierung trägt die Musik von Jan-S. Beyer bei. Der in Göttingen aufgewachsene Musiker (Abitur an der IGS, Mitglied der „Harmony Hoppers“ und anderer Bands) ist inzwischen deutschlandweit als Theaterkomponist gefragt. Seine Musik changiert bruchlos zwischen Pop und symphonischem Prunk. Das Premierenpublikum im prall gefüllten Haus klatschte begeistert und ausdauernd.

Nächste Termine: 7., 9., 14. und 30. Januar, 5., 13. und 17. Februar sowie 3. März um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Karten unter Telefon 05 51 / 49 69 11.
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