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Premiere im Deutschen Theater Göttingen: „Parzival“ in der Inszenierung von Brit Bartkowiak

Lohnende Perspektive Premiere im Deutschen Theater Göttingen: „Parzival“ in der Inszenierung von Brit Bartkowiak

Die Filmfigur Forrest Gump, 1994 verkörpert von Tom Hanks, hatte stets die gleiche Antwort parat, wenn irgendjemand sie nach ihrer Dummheit fragte: „Dumm ist, wer Dummes tut.“ Ein ganz und gar nicht dummer Satz, der zur Zeit am Deutschen Theater auch von einer anderen berühmten Figur, die für ihre Unwissenheit und Naivität bekannt ist, immer wieder gesagt wird: Parzival.

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Brilliert als Parzival:  Vanessa Czapla,hier mit Bardo Böhlefeld.

Quelle: Jauk

Göttingen. Das Stück zeichnet die Entwicklung eines unwissenden Kindes zu einem Ritter und schließlich zum Gralskönig nach. Der Text stammt vom vielfach ausgezeichneten  Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss. Als Vorlage diente diesem der Versroman von Wolfram von Eschenbach aus dem 13.Jahrhundert. Rund 25 000 Verse ist diese Vorlage stark, die im Deutschen Theater zu einem Stück auf zwei Stunden Spielzeit verkürzt werden. Zur Premiere ist der Saal bis auf wenige Einzelplätze voll besetzt.

Zunächst gibt es keine Überraschung. Wie auch bei der Uraufführung 2010 am Schauspiel Hannover wird der Jüngling Parzival in Göttingen von einer Frau gespielt. Das aber bestechend gut. Mit Vanessa Czapla hat Regisseurin Brit Bartkowiak einen Parzival gefunden, der in jeder Weise das Publikum anrührt. Eine Sympathiefigur, die aufrichtig die Mutter liebt, auch wenn sie das Wort Liebe nicht verstehen kann. Aber gleichzeitig eine Schreckensgestalt, die Tier und Mensch gerne beim Sterben zusieht, weil der Moment, wenn die Augen sich ins Weiße verdrehen, so lustig anzusehen ist. Czapla brilliert. Ein äußerst überzeugender Parzival, der an keiner einzigen Stelle auch nur den Hauch von Irritation aufgrund der Geschlechterwandlung zulässt.

Überhaupt ist es vor allem das hohe schauspielerische Niveau der gesamten Besetzung, das den Theaterabend zu einem Vergnügen macht. Im besonderen die Figuren der leidenden Frauen gelingen es, das Publikum zu berühren: Rebecca Klingenberg als Königin Conduireamour, deren Stadt belagert wird, oder Elisabeth Hoppe als Sigune, die Jahre damit zubringt, neben dem Leichnam ihres Geliebten Schionatulander zu trauern.

„Wer erschlägt all die Ritter?“, fragt Parzival Sigune. „Andere Ritter.“ Parzival lacht. „Ritter erschlagen andere Ritter? Das wäre, als wenn meine Hirsche andere Hirsche erschlagen“, meint er. An Stellen wie diesen erreicht das Stück eine lohnende, gesellschaftlich-philosophische Perspektive. Doch diese Stellen sind rar. Genau hier liegt die Schwäche das Stückes. Bärfuss‘ Neuerungen beziehen sich nur auf die Sprache. Er zieht keine neuen Ebenen ein, keine innovative Idee, keine Bedeutung, aus der sich das Publikum irgendeine Lehre, Thesen oder Erkenntnis für sich ziehen kann. Er bleibt nah am Text. Viel zu nah. Damit vertut er die Chance, Parzival tatsächlich zu modernisieren. So stellt Parzival zwar viele Fragen, die Fragen unserer Zeit aber stellt er nicht. Ein Theaterabend ohne Extras. Parzival pur, aber großartig gespielt.

Von Daniela Lottmann

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