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Selten gelacht

Premiere im Deutschen Theater Selten gelacht

„Diese Inszenierung polarisiert“, hat Intendant Erich Sidler im Anschluss an die Premiere „Wunsch und Wunder“ im Deutschen Theater (DT) gesagt. Felicia Zeller schrieb das Stück im Auftrag des Saarländischen Staatstheaters, Christoph Mehler hat es auf die Göttinger DT-Bühne gebracht – als völlig überdrehte Farce.

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Eigenwillige Praxis: Ärztin Bauer (Rebecca Klingenberg), Dr. Flause (Gabriel von Berlepsch), Sprechstundenhilfe Neider (Rahekl Weiss) und Laborleiter Lau (Stefan Schimmerle).

Quelle: Pauly

Göttingen. Dr. Bernd Flause ist ein Pionier der Insemination, das heißt, er verhilft durch künstliche Befruchtung Frauen oder Paaren, die auf natürlichem Weg keine bekommen können, zu Nachwuchs. Zusammen mit seiner Kollegin Betty Bauer leitet er seine „Kinderwunschpraxis Praxiswunsch“. So seltsam der Name, so überdreht das Gebaren der beiden Mediziner. In nichts stehen ihnen allerdings die Arzthelferin Nicole Neider und der Laborleiter Stefan Schimmerle nach. Diese Praxis ist ein durchgeknalltes Irrenhaus, aber offenbar ein sehr lukratives. Das immer wieder klingelnde Telefon jagt ihnen Angst und Schrecken ein. Denn: Immer mehr Kinder wenden sich an Flause, um herauszufinden, wer ihr biologischer Vater ist. In 307 Fällen ist das Flause selbst, der immer einsprang, wenn Spermienspenderflaute herrschte – und gewissenhaft mitzählte. Denn Unterlagen gibt es über die Spender und Empfängerinnen nicht. Und das skizziert das Problem, mit dem das Theater seine Besucher hier beschäftigten will. Doch ist das wirklich der Beschäftigung wert?

Karten

Weitere Vorstellungen: 9., 15., 21. April, 9., 17., 31. Mai, 3. und 15. Juni im Großen Haus des Deutschen Theaters Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

Ein wenig anachronistisch kommt Zellers Text daher. Nicht die massenhafte Suche medizinisch gezeugter Kinder nach ihren biologischen Väter beschäftig die Welt, sonder das ethische Problem des Einfrierens von Eizellen und Spermien, um Karriere und Familie zeitlich zu entzerren und das Designen des eigenen Nachwuchses. Das allerdings spricht Zeller nur im Vorbeigehen an. Schade.

Bühnenbildnerin Jennifer Hörr pfercht das fünfköpfige Ensemble in einen weißen Laborraum. Hier hängt das schrillende Telefon, ein Waschbecken hängt an der Wand, darunter ein Eimer. Nicht alle Premierenbesucher werden das gesehen haben, besonders die Zuschauer in den ersten beiden Reihen haben einen eingeschränkten Blick auf das Geschehen, denn Hörr hat den Spielraum in die erste Etage verlegt. Wir blicken auf zu den Göttern in Weiß.

Diesem arg strapazierten Schauerbild eines Mediziners huldigt Gabriel von Berlepsch von der ersten bis zur letzten der 90 Minuten Spielzeit. Völlig überdreht schwankt sein eitler Dr. Flause im Minutentakt zwischen Arroganz und Depression. Dabei gibt Berlepsch dermaßen Gas, dass er immer im roten Bereich dreht. Das allerdings scheint Regiekonzept zu sein. Denn alle Akteure folgen Berlepsch auf diesem Weg. Eineinhalb Stunden lang kreischen, schreien, toben und brüllen die Schauspieler, dass es keine Pracht ist. Manchmal ist weniger eben mehr.

Auf der Bühne stehen Karikaturen, keine Charaktere. Zellers Text sieht das in Maßen auch so vor. Wirklich witzig ist das selten, gelacht wurde am Premierenabend nur sparsam.

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