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Premiere von „Norma“ im Kasseler Staatstheater.

Oper Bellinis Premiere von „Norma“ im Kasseler Staatstheater.

Die Gallierin Norma, Titelheldin der Oper Bellinis, ist offiziell keusch und Oberpriesterin der Druiden. Doch zu Hause versteckt sie ihre beiden heranwachsenden Kinder. Deren Vater ist Römer, er gehört der verhassten Besatzungsmacht an. Am Sonnabend hatte „Norma“ Premiere im Kasseler Staatstheater.

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Hee Saup Yoon (Orovesco), Hulkar Sabirova (Norma) und Damen und Herren des Opernchors.

Quelle: Klinger

Das Dilemma ist also schon da, wenn die Oper beginnt. Und es kommt noch schlimmer. Prokonsul Pollione, dem sich Norma einst hingegeben hatte, ist gerade neu entflammt – für Adalgisa, eine Novizin im Druidenkult.

Auch sie ist ihm verfallen, ist bereit, Pollione zu folgen und ihre Religion, ihre Heimat zu verraten. Als Norma, Pollione und Adalgisa aufeinandertreffen, lässt sich nichts mehr verheimlichen. Liebesglück kann aus diesen verkorksten Beziehungen keinesfalls entstehen. Also ist das Ende tragisch. Norma und Pollione finden den (selbstgewählten) Tod auf dem Scheiterhaufen.

Kassel.

Auch wenn es um Gallier und Römer geht: Bei so viel Leid verbieten sich Asterix-Assoziationen. Diese konzentrierte Mischung aus himmlischer Liebe und tödlicher Verzweiflung ist der beste Nährboden für die schönsten melodischen Blüten, die Bellini um 1831 in Italien (er)finden konnte.

Das nutzen die drei Protagonisten der Kasseler Aufführung weidlich. Der aus Mexico stammende Gast-Tenor Hector Sandoval (Pollione) bietet beeindruckend kraftvolles Stimmmaterial ohne jede Höhenangst. In der Titelrolle überraschte die usbekische Sängerin Hulkar Sabirova in vielen sehr zart gesungenen, zurückgenommenen Passagen mit einem bemerkenswert leicht geführten Koloratursopran – offenbar sparte sie dabei auch etwas Kraft, um für das Finale noch Reserven übrig zu haben. Mit denen konnte sie dann auch strahlende Spitzentöne im Tutti setzen.

Die sängerische Krone aber gebührt der Mezzosopranistin Ulrike Schneider in der Rolle der Adalgisa, die sich in den Ensembles auch gegen den gesamten Chor ohne erkennbare Mühe durchsetzte. Dabei reicht ihre ausdrucksstarke Stimme von voluminösen tiefen Lagen bis in ebenso kraftvoll und kultiviert gesungene Höhen. Den kleineren Rollen gaben Hee Saup Yoon (Oroveso), Inna Kalinina (Clothilde) und Paula Paolillo (Flavio) klare Konturen.

Musikalisch also kann sich diese „Norma“ durchaus hören lassen. Das Konzept, mit dem Regisseurin Yona Kim – im tristen, mit dem unebenen Bühnenboden nicht sonderlich praktischen Einheitsbühnenbild von Etienne Pluss – das Werk zu aktualisieren versuchte, war allerdings stellenweise befremdlich. Gewiss, man kann Römer auch in moderne Uniformen stecken, Adalgisa beim (römischen?) Laster des Rauchens vorführen, Schwerter durch Pistolen ersetzen, dem Chor mit vielen blauen Flecken und sonstigen Verwundungsspuren die Rolle des geschundenen Besatzungsopfers zuweisen. Das alles soll wohl dazu dienen, dem Belcanto-Genuss die Brutalität der Wirklichkeit gegenüberzustellen. Aber warum Norma im Gegensatz zum Libretto als einzige das römische MG-Massaker am Schluss überlebt (soll vielleicht ihr Weiterleben sie noch schlimmer treffen als der Tod?), das ist schwer zu verstehen.

Der schwedische Gastdirigent Joakim Unander sorgte mit dem zuverlässigen Orchester für überzeugende dramatische und lyrische Momente und ließ den Solisten genug Raum für ihre Fermaten. Am Ende viel Applaus für die Solisten und den Dirigenten sowie höflicher Beifall für das Produktionsteam.

Von Michael Schäfer

Termine: 10., 25. und 30. Oktober, 22. und 27. November um 19.30 Uhr, 25. Oktober um 18 Uhr sowie weitere Aufführungen bis zum 15. Mai im Staatstheater Kassel, Friedrichsplatz 15. Kartentelefon 05 61 / 10 94-222.

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