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Der Lohn der Rache

Shakespeares „Hamlet“ im Jungen Theater Der Lohn der Rache

„Wie steh' ich da? Mein Vater tot, geschändet meine Mutter“, ruft der verzweifelte Prinz im Schlachtenlärm, hinter ihm rollen Panzer. Das Junge Theater Göttingen ist am Freitag mit Shakespeares „Hamlet“ in die neue Saison gestartet. Das Ensemble wurde für seine Leistung mit minutenlangem Applaus belohnt.

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Hamlet im Schlachtenlärm

Quelle: r

Göttingen. Die Ereignisse nehmen ihren Anfang in einer nebligen Nacht. In Tarnkleidung und schusssicherer Weste sucht der Geist des toten Königs die wachhabenden Soldaten heim. Eine Nahaufnahme seines Gesichts wird gleichzeitig auf die über der Bühne hängenden Banner projiziert und erscheint überlebensgroß und umso bedrohlicher. Entgegen der Warnung seiner Soldaten folgt Hamlet der Erscheinung und erhält von ihr den Auftrag, der ihn ins Unheil stürzen wird. „Wenn du je deinen Vater liebtest, räche seinen Tod!“, schreit Jan Reinartz´ vielfach verstärkte Stimme. Blut rinnt über sein Gesicht und zeugt ebenso vom vergangenen Mord als auch von den bevorstehenden Greueltaten.„Euer edler Sohn ist verrückt“, stellt Polonius mit ernster Miene fest. Der Wahnsinn ist allgegenwärtig in diesem Stück. Karsten Zinser wird als Hamlet zum irren Alleinunterhalter, der in Rätseln spricht und vor dem Berater des Königs hinter dessen Thron uriniert. „Amazing geht’s mir“, versichert er mit einem Grinsen und erntet Gelächter für seine Späße. Linda Elsner gibt ihrer Ophelia ein anderes Gesicht. Stumm und verkrampft erträgt sie das Geschwätz ihres Vaters, der ihre Liebe zum Prinzen verleugnet; wird zum Spielball des Königs, der sie benutzt, um den Wahnsinn seines Sohnes auf unerwiderte Gefühle zurückführen zu können. „Er ist hin, er ist hin“, singt sie später mit schwacher, heiserer Stimme. Vor der besorgten Königin wickelt sie sich in den weißen Vorhang ein und ist tatsächlich nur noch ein Gespenst.Die sechs Darsteller spielen 16 verschiedene Charaktere, Peter Christoph Scholz allein fünf davon. Trotzdem schafft er es, jeder seiner Rollen ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Als Hamlets Kommilitone Guildenstern hält er den kleinen Finger abgespreizt und frischt mit seinem affektierten Gehabe das altehrwürdige Königshaus auf.Karsten Zinser ist der einzige, der ausschließlich in seiner Rolle als Hamlet auftritt. Als Hauptfigur ist er nicht nur der Mittelpunkt der Handlung. Seine Präsenz hält das Publikum bis zur letzten Szene gefesselt, seine Darstellung der unbändigen Wut, der nur schwer gezügelten Mordlust, mit der Hamlet seine Mutter fast erwürgt, erscheint beklemmend real. Seine Energie hält die Spannung auch während längerer Dialoge aufrecht.Am Ende erstirbt das schauerliche Glöckchenspiel, das die Handlung stets begleitet hat. „Jetzt bricht ein edles Herz“, verkündet Horatio, der treueste Begleiter Hamlets und Empfänger seiner letzten Worte. Regungslos steht er zwischen den Leichen eines ganzen Königshauses. „Gute Nacht, mein Prinz.“

Weitere Hamlet-Vorstellungen im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6, um 20 Uhr am 13. und 23. September, 4., 15. und 29. Oktober.

Von Jana Probst

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