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Zahllose Drinks und Abgründe

Premiere von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Zahllose Drinks und Abgründe

Edward Albees Klassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ feierte am Mittwoch Premiere im Studio des Deutschen Theaters. Die Inszenierung von Erich Sidler lieferte den Zuschauern rund zweieinhalb Stunden schmerzhafte und doch faszinierend kurzweilige Unterhaltung.

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„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ feierte am Mittwoch Premiere im Studio des Deutschen Theaters

Quelle: Varela

Göttingen. „Arena frei“ heißt es im mit dunklen Pelzfliesen ausgestatteten 60er-Jahre Wohnzimmer von Martha (Angelika Fornell) und George (Paul Wenning).

Obwohl sie gerade von einer Party bei Marthas Vater – dem Direktor des Colleges an dem George lehrt – kommen, hat Martha noch weitere Gäste eingeladen. Dabei ist die Stimmung zwischen dem seit über zwanzig Jahren verheirateten Paar ohnehin schon mehr als gereizt. In dieses Szenario tritt das junge Paar Nick (Benjamin  Kempf) und Putzi (herrlich einfältig: Marie Seiser), das man gerade zuvor auf der Party kennen gelernt hat: Zwei Paare, zwei Männer, zwei Frauen und zahllose Drinks sind die Zutaten dieses Abends, in dem sich unfassbare Abgründe auftun. Dabei hatte sich Nick doch nur einen kleinen Karriereschub von dem Treffen erhofft, denn er ist als Dozent neu am College und Putzi wollte wie immer das adrette Anhängsel geben.

Aber es ist Marthas und Georges Stück, das – nicht zum ersten Mal – erbarmungslos aufgeführt wird. Sie haben ihre Art Gesellschaftsspiele zu spielen und nicht ohne Grund heißt ein Spiel „die Gästefalle“. So enttarnt George Nick schnell als kleinen Karriereristen und sammelt intime Informationen über ihn, die er im Laufe des Abends lustvoll und sprachgewandt abfeuert. Denn wer auch vor Gästen von der eigenen Frau pausenlos gedemütigt und vorgeführt wird, muss Dampf ablassen. Und nicht nur Martha fühlt sich bestens unterhalten, wenn George nicht nur verbal die Waffe gegen sie richtet.

Dass das Publikum von der ersten Sekunde an dabei ist, ist vor allem einer auf lange Strecken atemberaubenden schauspielerischen Leistung geschuldet. Fornell verblüfft mit ihrer Bandbreite von vulgär bis mädchenhaft in der Darstellung Marthas und Wenning steht ihr mit seinem meisterhaften Zynismus in nichts nach. Und doch ist sie da, irgendwo zwischen den Whiskeyflaschen und Wortgefechten: die Liebe für den anderen. Denn woher käme sie sonst, die Leidenschaft zu solchen Kämpfen?

Die Dialoge des Stückes sind ein Konzentrat aller Ehestreitigkeiten, die jemals geführt wurden. Jeder, der eine langjährige Beziehung führt, weiß um ihre Abgründe und die Sogkraft, die sich im Kampf der Geschlechter entfalten kann. Aus diesem Grund lässt sich das 1962 am Broadway uraufgeführte Stück nicht einfach als Theaterabend abhaken, denn nicht viele haben Putzis Talent zur Verdrängung. Ein wahnsinnig verstörender, grandios inszenierter Theaterabend.

Von Marie Varela

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