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Psychogramm eines verzweifelt Liebenden

GSO-Konzert Psychogramm eines verzweifelt Liebenden

Einen rundum gelungenen musikalischen Abend bescherte das Göttinger Symphonie Orchester seinem begeisterten Publikum. Der Solist stammte aus eigenen Reihen: Janusz Nosarzewski spielte das Bratschenkonzert von Béla Bartók.

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Tutti-Explosionen: „Gang zum Hochgericht“ aus Berlioz’ „Symphonie fantastique“ in voller Besetzung.

Quelle: Schäfer

Ein Klangfarbenzauber stand am Anfang des Abends mit dem Göttinger Symphonie Orchester: Maurice Ravels Märchen-Suite „Ma mère l’oye“ (Mutter Gans), in der sich Dornröschen, der kleine Däumling, fernöstliche Puppenheere und die Schöne mit dem Biest treffen. Sehr bildhaft und atmosphärisch dicht sind die Klänge, mit denen Ravel diese Märchenwelten nachzeichnet, vom grotesken Grummeln der Kontrabass-Klarinette – der Stimme der Bestie – bis hin zu den sanft wogenden Streicherklängen, mit denen der finale Zaubergarten gezeichnet ist. Dirigent Christoph-Mathias Mueller arbeitete dies alles mit viel Klangsinn heraus, mit feinsten Differenzierungen und betörenden Farbreizen.

Die musikalische Welt in Bartóks Konzert für Viola und Orchester ist eine völlig andere – kantig, erdig, immer wieder von rhythmischen Pulsen vorangetrieben. Mit raumfüllendem, sonor-vollem Ton spielte Janusz Nosarzewski den Solopart und zeigte sich dabei den hohen virtuosen Anforderungen stets gewachsen. Sehr intensiv ist sein Ausdruck, die Temperamentsausbrüche sind mitreißend, ohne je ins Ungezügelte auszubrechen. Das Orchester unter der sorgfältigen Führung Muellers war ein ausgesprochen aufmerksamer Partner. Im begeisterten Beifall für den Solisten waren sich Publikum und Orchesterkollegen einig. Als Dank spielte Nosarzewski einen Satz von Max Reger als Zugabe.

Als Finale hatte Mueller die Symphonie fantastique von Hector Berlioz aufs Programm gesetzt – ein Werk, in dem die Grenzen der Wiener Klassik aufgebrochen werden und das fühlende Individuum sich mit genialer Kraft zur (musikalischen) Sprache findet. Dieses faszinierende Psychogramm eines verzweifelt Liebenden zeichnete Mueller bis in die feinsten Verästelungen der Seelenregungen nach. Seine Musiker folgten ihm mit großer Konzentration und Hingabe, die Holzbläser überboten sich schier in virtuosen solistischen Leistungen, denen die Blechbläser nicht nachstanden. Bemerkenswert die Geschlossenheit im Streicherklang, die große dynamische Bandbreite vom fast nicht mehr hörbaren Hauch bis zu den Tutti-Explosionen im „Gang zum Hochgericht“ oder der teuflischen Polyphonie im Finale. Ein weiterer großer Abend in einer an Glanzpunkten reichen Saison.  Michael Schäfer

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